Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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Graf Baudissin(1789 1878) hatte sich vor dem Erscheinen seiner Molière-ber- setzung bereits durch seine Mitarbeit an der Schlegel-Tieck'schen Shakespeare-Ubersetzung vorteilhaft bekannt gemacht. Zu dieser Ubersetzung, durch die Shakespeares Dichtungen eigentlich erst zum Allgemeinbesitz der deutschen Bildung wurden, hatte Baudissin nicht weniger als 13 Stücke beigetragen. Wenn man offenbar aus buchhändlerischen Rücksichten auch seinen Namen nicht auf den Titel gesetzt hatte, so war doch im Schlußwort von Tieck der Sachverhalt offen dargelegt worden. Trotzdem hat es ziemlich lange gedauert, bis man wenigstens auf den Theaterzetteln bei den betreffenden Stücken den wirklichen

UIbersetzer mit Namen zu nennen anfing.

Baudissin stand in seinem 76. Lebensjahre, als er die Verdeutschung Molières be- gann; aber trotz dieses hohen Alters vollendete er sein vier starke Bände umfassendes Werk in zwei Jahren.

Die vielumstrittene Frage, durch welches Versmaß Molière am besten und zweck- mäßigsten im Deutschen wiederzugeben sei, mußte natürlich auch Baudissin eingehend be- schäftigen. Hören wir, was er im Vorwort des I. Bandes selbst darüber sagt:Fragt man nun, welches Metrum, wenn nicht der für ein fünfactiges Drama kaum auszuhaltende Alexan- driner, für die Molière'schen Stücke gewählt werden sollte, so scheint mir die Antwort nicht zweifelhaft. Wie Molièdre in der für Frankreich herkömmlichen Versart schrieb, so müssen wir ihn in der bei uns längst eingebürgerten Form, in fünffüßigen Jamben wieder- geben, die sich eben so wohl für das höhere Lustspiel wie für die Tragödie eignen, und von den Engländern von jeher für beide Gattungen verwendet worden sind. Ich würde es als einen erfreulichen Fortschritt ansehen, wenn unser Theatervers auch im Lustspiel bei uns heimisch würde, und das Beispiel das Kleist im zerbrochenen Krug gegeben hat, Nach- ahmer fände... Meine Ansicht über die metrische Form scheint in der Luft gelegen zu haben, denn als ich soeben meine Cbersetzung des Tartuffe beendigt hatte, erschien Dr. Gruners Bearbeitung des nämlichen Stückes in Jamben. Im Vorwort zu dem zweiten Bande konnte Baudissin sogar konstatieren, daß die von ihm gewählte Form der fünf- füßigen Jamben in allen ihm zu Gesicht gekommenen Kritiken seiner Arbeit Billigung gefunden habe, und daß besonders auch zwei so hervorragende Bühnenkünstler wie Dawison und Lewinsky ihm unbedingt Recht darin gegeben haben.

Wir sind heutzutage anderer Meinung. Indem Baudissin den Blankvers wählte, der wohl die Versart unserer Tragödie, aber nicht unseres Lustspiels ist, opferte er den Reim, der bei Molière durchaus nicht gleichgültig ist, denn nicht selten dient er ihm gerade dazu, die Witzworte und Pointen der Rede epigrammatisch zuzuspitzen. Freilich wird die Schwierigkeit der Ubersetzung durch die Beobachtung des Reimes außerordentlich er- höht. Im Vergleich zu Laun hat sich Baudissin seine Aufgabe also bedeutend erleichtert. Dazu kommt, daß Baudissin sich durchaus nicht scheut, die Zahl der Verse beliebig zu vermehren. Einige seiner Ubersetzungen zählen fast hundert Verse mehr als das Original. Auch von solchem willkürlichen Verfahren hat sich Laun aufs peinlichste frei gehalten.

Wenn man von diesen Freiheiten absieht, die sich Baudissin dem Original gegen- über erlaubt hat, so muß man doch anerkennen, daß seine Ubersetzung einen wirklich literarischen Wert beanspruchen darf. Sie ist mit voller Einstimmigkeit lange Zeit und überall als die beste von allen deutschen Molière-Übersetzungen gepriesen worden. Der bekannte Molière-Forscher Humbert bezeichnete sie allerdings in etwas überschwänglicher