Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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Wollen wir aber ein aufrichtiges Urteil über das Gesamtwerk Zschokkes abgeben, so müssen wir gestehen, daß seine Bearbeitung eigentlich auf eine Travestie hinausläuft, für die ein Dichter wie Molière nicht geeignet ist. Baudissin hat daher vollkommen recht, wenn er sagt, daß Zschokke keineswegs eine Übersetzung bringe, sondern eine völlige Umschmelzung, und zwar eine stark mit Kupfer versetzte.

Zum Schluß sei noch erwähnt, daß im 6. Bande auf Seite 3 108 eine Biographie Molières sich befindet, die in Anbetracht des zu jener Zeit noch wenig gesichteten Quellenmaterials eigentlich als das Beste an dem ganzen Zschokkeschen Werk zu be- zeichnen ist.

Um eine Vorstellung von Zschokkes Art der Ubertragung zu geben, sei der Anfang desPeter Rothbart hier abgedruckt:

Erster Auftritt. Peter Rothbart(allein.)

Das hab' ich nun davon! Seit der Hochzeit keine frohe Stunde. Was bin ich? überall der Narr im Spiele, und allenfalls andern Bauern ein lehrreiches Exempel, die Nase nicht zu hoch zu tragen und kein gnädiges Fräulein zu heurathen, wenn sie zu viel Geld im Kasten haben. Durch Schaden wird man klug. Wenn so ein Herr Von sich mit einem Bürgerlichen, wie unser eins, einläßt, und ihm sein Fräulein Tochter anhängt: so gilts unserm vollen Geldbeutel. Hätt' ich bei meinem Reichthum das ärmste Bauermädchen geheurathet, eine Bettlerin ich wäre gescheidter gewesen Sie würde sich wenigstens nicht geschämt haben, Frau Rothbartin zu heißen. O Peter Rothbart, Peter Rothbart, du hast dich selbst an die Galeere geschmiedet!

6. Die Sammelübersetzung von Lax.

Wenn wir von dem Meißner-Myliusschen Ubersetzungsunternehmen, das kaum über die ersten Anfänge hinausgekommen ist, und auch von den freien Bearbeitungen Zschokkes absehen, die überdies als ein in der Schweiz entstandenes Werk eines naturalisierten Schweizers zu betrachten sind, so kann man sagen, daß seit dem Erscheinen der Bierling- schen Übersetzung nahezu ein Jahrhundert verging, ehe sich in Deutschland die Uber- setzertätigkeit wieder Molière zuwandte. Und das hat seine guten Gründe. Sowohl die Entwicklung unserer klassischen Literatur als auch der Verlauf unserer nationalen Ge- schichte waren dem Entstehen neuer Molière-Übertragungen nicht sonderlich günstig; denn Deutschlands literarische und politische Bestrebungen standen damals im schärfsten Gegensatz zu Frankreich. Mag Lessing in seinen Jugendwerken sich auch vielfach an Molière angelehnt haben, mag er in seinen übrigen Schriften auch keine Angriffe gegen ihn gerichtet haben, wie sie Voltaire und Corneille über sich ergehen lassen mußten, ein begeisterter Verehrer der Molièrschen Muse, wie Humbert in seinem BucheDeutschlands Urteil über Molière(Oppeln 1883) es gern hinzustellen sucht, war er nicht. Schiller und Goethe haben wohl andere Stücke aus dem Französischen übersetzt, aber keinem ist es eingefallen, Molière der deutschen Bühne näher zu bringen. Das nimmt bei Goethe um so mehr Wunder, als er Zeit seines Lebens zu Molière immer mit der größten Bewunderung emporgeblickt hat. Die Romantiker vollends sprachen von Molière mit überhebender Ge- ringschätzung, die bei A. W. Schlegel sogar in Gehässigkeit ausartete. Vor allem aber waren es die politischen Verhältnisse, die Molière in Deutschland nicht aufkommen ließen. Die bewegte Zeit der Freiheitskriege konnte unmöglich Interesse erwecken für einen Dichter,