Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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des Ortes und der gegenwärtigen Zeiten die Geißel der Satyre schwingt. Dieses wird mit dem Wechsel der Zeiten und Sitten unverständlich, oder verliert, obgleich die Thorheiten der Menschen sich in allen Perioden der Geschichte gleich bleiben, am Interesse, weil die Thorheiten andre Farben und Formen und Namen angenommen haben. Soll Moliere auf deutschen Bühnen gefallen, muß er nicht allein in deutscher Zunge reden, sondern auch im deutschen Geiste denken und handeln. Zschokke suchte daher seine Verdeutschung so einzurichten, wie nach seiner Ansicht Molière zur damaligen Zeit in Deutschland ge- sprochen haben würde..

Zu diesem Zwecke nahm Zschokke sich die größten Freiheiten gegen den fran- zösischen Dichter heraus. Zeit und Ort der Handlungen verlegt er selbstverständlich in das Deutschland seiner Zeit. Den Personen gibt er deutsche Namen und Titel; so treten z. B. Molières Väter meistens als Justiz- und Kommerzienräte auf, und die Liebhaber sind zum großen Teil Kavallerieoffiziere. Schon die Titel der 17 von ihmverdeutschten Stücke lassen deutlich genug erkennen, wie weit er in seinen Anderungen gegangen ist. Sie seien deshalb hier aufgeführt:

Bd. I: Der Geizige Der Wunderarzt(le Médecin malgré lui) Die Eleganten(les Précieuses ridicules).

Bd. II: Der Sicilianer Die Männerschule Alles zur Unzeit(les Fächeux).

Bd. III: Tartüffe in Deutschland Die sympathetische Kur(l'Amour médecin) Die Heurath wider Willen Die Gräfin von Hohennasen(la comtesse d'Escarbagnas).

Bd. IV: Wer zulezt lacht, lacht am besten(l'Ecole des femmes) Peter Rothbart(George Dandin) Der Kranke in der Einbildung.. Bd. V: Der Adelsüchtige(le Bourgeois gentilhomme) Eifersucht in allen Ekken(Sganarelle)

Der Misantrop.- Bd. VI: Baldrian von Schabernack(Monsieur de Pourceaugnac).

Auch inhaltlich gestattet er sich allerlei Dmänderungen. So werden z. B. die Précieuses ridicules zu einer Satire auf die Romantik umgewandelt, in der Ursula(Made- lon) und Grethe(Cathos) für SchlegelsLucinde und Jean PaulsFlegeljahre schwärmen. Sein Tartuffe ist ein französischer Emigrant, der unter dem Kaiserreich es zu einer hohen Stellung hätte bringen können, wenn ihm nicht seine Bescheidenheit geboten hätte, darauf zu verzichten; und Orgon in der gleichnamigen Komodie ist ein fürstlicher Justizrat mit dem sinnigen Namen Herr von Heilgenstein. Am bekanntesten dürfte wohl seine Be- arbeitung des Geizigen sein, und zwar wegen der tadelnden Kritik, die ihr Goethe hat zu teil werden lassen. Das Verhältnis zwischen Harpagon und seinen Kindern schien dem Zartgefühl des braven Zschokke gar zu anstößig; er machte deshalb aus dem Vater einen Onkel, eine Substitution, die Goethe gradezu als unsinnig bezeichnete Derartige und ähnliche Anderungen hat Zschokke an fast allen Stücken vorgenommen, und zwar legt er uns selbst am Ende eines jeden Stückes in wohlgefälligen Außerungen darüber Rechen- schaft ab.

Einzig und allein den Misanthrop hat er weder äußerlich noch innerlich nach seiner Art umzumodeln versucht. Während er nämlich die übrigen Verskomödien in Prosa wiedergab, hat er diese Meisterkomödie in reimlosen fünffüßigen Jamben übertragen. Abgesehen von der Modernisierung der Namen und der Einschiebung eines deutschen Volksliedes statt des französischen:Si le roi m'avait donné, hat er auch sonst den Inhalt möglichst treu übersetzt.