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vereinigen die beiden Eigenschaften, Kraftfülle und Gesundheit, die uns durch die Hast des Schaffens, durch Zeitungen, Depeschen, durch die ganze Spannung des Verkehrs mehr oder minder abhanden gekommen sind— mit jener gemütlichen Altväterlichkeit, die uns junge auch vor ihren Schrullen und Absonderlichkeiten zur Achtung zwingt. Molières Sprache ist, was man auch sagen mag, durchaus nicht die, welche heute gesprochen wird. Suchen wir aber ein Deutsch, das dem Französischen Molières möglichst nahe kommt, so würden wir immer auf das Lessings und seiner Zeitgenossen verfallen. Die Khnlichkeit in den Verhältnissen der beiden Sprachen in jenen Epochen tritt auch äußerlich hervor in der Orthographie. Wenn man sich die Molièreschen Lustspiele in den Originaltexten ansieht, so wirken sie genau wie eine Princeps-Ausgabe von Lessing oder von Gottsched.“
Aus diesen Gründen hat Lindau bei seiner Neuherausgabe die Bierlingsche Über- setzung möglichst genau wiedergegeben und sich nur auf die unerläßlichsten Verbesse- rungen beschränkt. Er hat nach seiner eigenen Angabe nur die offenbaren Irrtümer berichtigt und einige veraltete und durch Nichtgebrauch unverständlich gewordene Wörter und Redens- arten mit gleichsinnigen, verständlicheren Ausdrücken unsrer Tage vertauscht. In der Treue der Wiedergabe geht er sogar so weit, daß er die Orthographie der alten Hamburger Ausgabe beibehalten hat.
Wir können uns mit den von Lindau ausgesprochenen Ansichten nicht einver- standen erklären. Zunächst verdient die Bierlingsche Ubersetzung keinesfalls das Lob, das ihr Lindau zu teil werden läßt. Mag Lacroix auch entschieden unrecht haben, wenn er in der Note zu No. 720 seiner Bibliographie meint, daß diese UÜbersetzung nur eine „Retouchierung“ der Nürnberger Ausgabe von 1721 sei, so ist es doch ebenso verkehrt, wenn man wie Lindau behaupten wollte, daß die Sprache unserer Übersetzung sich mit, der Lessings vergleichen lasse. Auch nicht im entferntesten kann sie einen solchen Vergleich aushalten. Ohne erst wieder zu einem Lessingschen Bande zu greifen und sich seine Sprache zu vergegenwärtigen, wird sich ein jeder schon aus dem Gedächtnis von der Unhaltbarkeit der Lindauschen Ansicht überzeugen, wenn er im folgenden die kleine Probe aus der Hamburger Ubersetzung liest. Ich wähle dazu den Anfang des Misanthrope:
Die erste Handlung.
Der erste Auftritt. Alcest. Philintes.
Phil. Was ist denn? was fehlt ihnen, Herr Alcest?
Alc. Ich bitte sie, lassen sie mich in Friede.
Phil. Aber sagen sie mir doch, was für eine Grille...
Alc. Lassen sie mich in Friede, sage ich, und gehen sie geschwind fort.
Phil. Man kann die Leute doch aber wohl anhören, ohne gleich unwillig zu werden.
Alc. Ich will aber unwillig seyn, und will nichts hören.
Phil. lIch kann mich in ihren schleunigen Zorn gar nicht finden; und ob ich gleich ihr Freund bin, so bin ich doch der erste, der...
Alc.(stehet plötzlich auf:) Ich? ihr Freund? Streichen sie das aus ihrem Register nur aus. Zwar bisher habe ich mich dafür bekannt; allein, was ich itzt an ihnen bemerkt habe, das steht mir durchaus nicht an, und ich sage ihnen frey heraus, daß ich nicht mehr ihr Freund bin. Ich begehre keinen Platz in so ver- dorbenen Herzen.
Phil. Ich bin also, ihren Gedanken nach, wohl sehr strafbar?
Alc Gehen sie! sie sollten sich zu Tode schämen. Nein! was sie gethan haben, das ist nicht zu entschuldigen, und ein jeder ehrliebender Mensch muß sich daran ärgern. Was? ich sehe, wie sie einen Menschen mit


