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So erschien denn im Jahre 1752 zu Hamburg bei Christian Herold eine neue Uber- setzung in 4 Bänden unter dem Titel:„Des Herrn Moliere sämmtliche Lustspiele. Nach einer freyen und sorgfältigen Ubersetzung. Mit Kupfern. Mit Königl. Poln. und Churfürstl. Sãchsischer allergnäãdigster Freyheit.“¹) Der Verfasser hat sich nicht genannt; nur die Vor- rede, die aus Hamburg vom 15. März 1752 datiert ist, hat er mit der Initiale B unter- zeichnet. Aus C. H. Schmid's„Chronologie des deutschen Theaters“ von 1775 erfahren wir jedoch, daß der Ubersetzer Bierling heißt, denn wir finden dort unter dem betreffenden Jahre die Bemerkung:„Nur eine schriftstellerische Merkwürdigkeit dieses Jahres ist mir bekannt: Bierlings Übersetzung des ganzen Molière.“ Uber die Persönlichkeit dieses Uber- setzers habe ich trotz eifriger Nachforschung nichts weiter in Erfahrung bringen können, als was er selbst am Schlusse des Vorberichts von sich sagt:„Er läßt sich mit seiner Arbeit nicht so viel dünken, daß er seinen Namen dadurch zu verherrlichen suchte, und meldet von sich nichts anders, als daß er seit einer geraumen Zeit in einer unmüßigen Ruhe lebt, nachdem er vorher etliche Jahre zwo hohen Standespersonen im Briefwechsel gedient, auch bereits zwo andere französische Ubersetzungen geliefert hat, welche das Publicum besser aufgenommen, als er sich selbst geschmeichelt hatte.“
Im Anfang der Vorrede empfiehlt der Verfasser seine neue UÜbersetzung mit den Worten:„Die großen Vorzüge der molierischen Lustspiele sind der Welt bereits von so vielen Jahren her bekannt, daß es eine unnõthige Bemühung wäre, sie dem geneigten Leser anzupreisen. Dieser ungezweifelte Wehrt derselben rechtfertiget auch sattsam unsere Absicht, nach drey im vorigen Jahrhunderte herausgegebenen elenden und undeutschen Uber- setzungen, und zwar nur derer, die in Prose geschrieben sind, eine neue und richtige zu liefern. Wir werden uns glücklich schätzen, wenn wir durch unsere Bemühungen zur Aus- rottung des alten Vorurtheils, als ob die deutsche Sprache ganz unfähig sey, die Annehm- lichkeiten der französischen, insonderheit der molierischen Schreib-Art auszudrücken, etwas beygetragen haben.“
Die Übersetzung ist durchweg in Prosa verfaßt, und zwar begründet der ÜUber- setzer sein Verfahren unter anderem mit dem eigentümlichen Urteil, daß Molières Verse niemals für große Muster gehalten worden seien. Es ist diese Ansicht um so verwunder- licher, als er in derselben Zeile zugesteht, daß die Verse fließend und wohllautend seien, daß der Reim ungezwungen sei und es nach Boileau's Ausspruch scheine, als ob er den Poeten selbst suche und sich, sobald er rede, freiwillig ans Ende des Verses setze. Zur Rechtfertigung seiner Prosa-Ubertragung meint er dann weiter:„Man bewundert an ihm Molière) die philosophische Richtigkeit seiner lebhaften, neuen, und nach der Natur ge- schilderten Character, vom höchsten Stande bis zum niedrigsten, und vom tugendhaften Akest bis zum ruchlosen Tartüffe: seine vortreffliche Geschicklichkeit in Abschilderung der Sitten und der Leidenschaften der Menschen: seine ihm ganz eigenthümliche Kunst, das Lãächerliche zu entdecken, und es im größten Licht vorzustellen: seine scherzhafte und lustige Schreib-Art, nebst seiner Mannigfaltigkeit in Dingen, die einerley zu seyn scheinen. Dieß ist es eigentlich, was unsern Autor vortrefflich, und dessen Schriften un-
vergùnglich macht, und dieß ist es auch, was sich durch eine ausgeurbeitete Prose wieder herstellen lässet.“
¹) Ein Exemplar dieser sehr seltenen Übersetzung befindet sich auf der Kgl. Bibliothek zu Berlin.


