Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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darüber noch eingehender aus:Ich bin nicht gesonnen gewesen, mit der teutschen Schreib- Art von dem Frantzösischen Wort-Verstand, ausser, wo es bisweilen nicht anderst seyn Können, abzuweichen, noch unsern teutschen Comõdien-Spielern, diese Comõödien-Stücke in sinnreichen und zierlichen Reden, die sich fär Sie auf ihre Schaubühne schicken mogten, vorzuschreiben, sondern habe mich bloß dahin beflissen, nicht allein der zur Frantzösischen Sprach begierigen Teutschen Nation, sondern auch, der zur Teutschen Sprach begierigen Frantzösischen Nation, zugleich auch denen Curiôsen Gemüthern, welche diese Comödten nur Teutsch allein zu einem Kurtzweiligen Zeitvertreib zu lesen, Belieben haben mögten, nach meiner Möglichkeit ein besseres Vergnügen, als etwan mit der erstgedruckten ÜUber- setzung geschehen seyn mag, zu geben.

In seinem Bemühen, möglichst wortgetreu zu übersetzen, geht der Verfasser sogar so weit, daß er eigentümlich französische Redensarten und Sprichwörter zuerst wörtlich wiedergibt und dann in Klammern eine freiere Übersetzung beifügt. So gibt er Toinettes Worte(Le malade imaginaire I, 5)Mais, monsieur, mettez la main à la conscience: est-ce que vous étes malade? wieder mit:Allein, Herr, greifft ein wenig das Gewissen an, (geht in euer Gewissen,) seyd ihr dann kranck? Ebenda I, 10:Mais elle a beau faire, elle n'y réussira jamaisAllein sie hat gut machen,(es ist umsonst mit ihr,) es wird ihr nimmermehr darinn gelingen. InLes préc. rid. X sagt Mascarille:Tudieu! vous avez le goũt bon.O Blut, sie hat einen guten Geschmack.(Sie urtheilt gar wohl.) und Madelon antwortet:Eh! je ne l'ai pas tout à fait mauvais.Ey! Ich hab ihn über und über nicht schlimm.(Ich urtheile eben so gar schlimm nicht.)

Trotzdem der Ubersetzer im Anfange seiner Vorrede versichert,eine gantz neue und mit sonderbarem Fleiß verfertigte Ubersetzung zu liefern, ist das doch nicht so zu verstehen, als ob er ganz selbständig dabei zu Werke gegangen wäre. Er hat vielmehr nur die tatsächlichen Ubersetzungsfehler der ersten Ausgabe verbessert und nebenher in stilistischer und textlicher Hinsicht einige Anderungen vorgenommen. So hat er z. B. die auf S. 12 erwähnten falschen Ubersetzungen(Les préc. rid. X.) zum erstenmal richtig wiedergegeben mit:Das heist das Feinste aller Sachen wissen, das größeste Feinste, das Feinste aller Feinsten.Wir haben bißhero eine recht strenge Fasten von Lust- barkeiten gehalten. Sonst ist nur hier und da der Ausdruck im engen Anschluß an den französischen Text geändert.

Ein Dichter war der anonyme Übersetzer nicht; er gesteht das selbst offenherzig ein. Deshalb hat er die in der ersten Ausgabe vorkommenden Verse auch ohne jede Anderung in seine Ubersetzung übernommen. Derselbe Grund veranlaßte ihn auch, am Ende der Vorrede noch diedienstliche Nachricht hinzuzufügen:daß der Herr von Molière noch mehr Comödien, aber versweise oder in gebundener Schreib-Art in den Druck gegeben, deren an der Zahl eben so viel, als dieser sind, weil ich aber auf den Parnasso Poëtico nicht studirt habe, als werden selbige von einem andern Subjecto, welches den Pegasum geschicklich zu satteln und aufzuzäumen weiß, in das Teutsche übersetzet, und mit der Zeit von eben diesem auf den Titel benannten Verleger, zum Druck befördert werden.

Diese Fortsetzung erschien schon im folgenden Jahre unter dem Titel: