Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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französischen Sprache, mit seiner Ubersetzung verfolgte. Es war das ein zu jener Zeit sehr beliebtes Verfahren. Wir kennen noch eine ganze Reihe anderer Bücher und zwar eben- falls Ubersetzungen ausländischer Dramen, an denen die Jugend jener Zeit die betreffen- den fremden Sprachen erlernen sollte. So ist ja allgemein bekannt, daß das Lateinische damals in der Schule hauptsächlich am Terenz gelehrt wurde. Zwei Jahre vor unserer Molidre-Ubersetzung war z. B. auch eine vollständige italienisch-deutsche Ubersetzung des Terenz erschienen, die ausschließlich zur Erlernung der italienischen Sprache bestimmt war ¹). Es ist wohl anzunehmen, daß der Nürnberger Verleger durch dieses Unternehmen angeregt wurde, ein ähnliches Werk zur Erlernung der Tranzösischen Sprache herzustellen. Daß er dabei auf Molidère verfiel, kann uns zugleich ein Beweis dafür sein, daß sich dessen Komödien schon damals einer großen Beliebtheit in Deutschland erfreuten. Das wird uns auch in der Zueignungsschrift bestätigt, die an drei Nürnberger Magistratspersonen ge- richtet ist und sich am Anfange des dritten Bandes befindet. Dort heißt es nämlich: Wann die Comödien des Herrn de Moliere, Weyl. unvergleichlichen Comici am Frantzö- sischen Hof, mit einstimmiger Hochachtung durch gantz Teutschland, nicht wären auf- genommen worden, Wann sie nicht die meinsten Haupt-Stätte des Röm. Heichs, in eine liebliche Verwunderung gesetzt hätten, Wann,(sage ich) man sie nicht durchgehends, als einen fürtrefflichen Zeitvertreib, großer Potentaten und Stands-Personen, rühmete, so würde ich mich nimmermehr der Kühnheit unterfangen haben, selbige E. Hoch-Frey-Herrl. Onaden und E. Excellentzen, anzubieten.

Im übrigen tut sich der Verleger nicht wenig auf die neue und eigenartige Ein- richtung zu gute, die er bei seinem Verlagswerke getroffen hat, indem er sagt:Obgleich diese Lust-Spiele an sich nicht gar Neu, Weil sie in ihrer Muttersprache, schon lang mit Ruhm bekannt sind, so ist doch an dieser Edition dreyerlei Neues zu ersehen: Das erste Neue ist, daß sie nebenst einer Teutschen Ubersetzung, das erste mahl an das Liecht kommen: Das andere Neue, daß beyde Sprache also gedruckt sind, daß sie in den Band neben einander können zustehen kommen, oder aber ein jede Sprach, besonder kan ein- gebunden werden, welches noch an keinen Buch, auf solche Arth, gesehen worden; Das dritte und fürnehmste Neue daran, ist, daß E. Hoch-Frey-Herrl. Gnaden und E. Excellentzen, ich sie Unterthänig und unterdienstlich Dedicire und zuschreibe, und zwar die beeden ersten Theile in Frantzösischer, diesen dritten aber in Teutscher Sprache.

Über den Verfasser der Ubersetzung, der sich hinter den Initialen J. E. P. verbirgt, ist bisher nichts Genaues ermittelt worden. Eine Zeitlang war man der Ansicht, daß der Magister und Schauspieldirektor Velthen der Urheber gewesen sei, doch ist diese Ver- mutung durch K. Heine endgültig widerlegt worden ²). Neuerdings hat Spirgatiss) glaub- haft zu machen gesucht, daß durch jene Initialen eine Frau bezeichnet werden soll, und

¹) Cf. Bolte a. a. O. p. 89. Der Titel dieser Übersetzung lautet:Die Comödien des Terentii Über- setzt In die reine Toscanische Sprache Von Antonio Gagliardi. Nebst der teutschen Version nach dem Tos- canischen von Wort zu Wort gegeben Von J. C. Mfüller]. Allen der Toscanischen Sprache liebenden zu großen Nutzen. Leipzig, Verlegts Friedrich Lanckschens Erben, Anno 1602. Links ist der italienische Text und rechts die deutsche Ubersetzung gedruckt.

¹) Johannes Velthen. Diss. Halle 1887.

³) Die Nürnberger Molièreübersetzungen und ihr Verleger Johann Daniel Tauber in der Sammlung bibliothekswissenschaftlicher Arbeiten. Herausgegeben von Karl Dziatzko. Heft 10. S. 79 93.