Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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Talent muß es nicht weit her gewesen sein. Er war sich dieser Schwäche offenbar selber bewußt und hat daher auch die wenigen in den Prosastücken vorkommenden Verse ent- weder ganz fortgelassen(wie z. B. den Prolog der drei Künste inL'amour médecin) oder in Prosa wiedergegeben(wie z. B. die humoristische Reimerei des Quacksalbers in derselben Komödie). Nur an zwei Stellen, wo es der Zusammenhang mehr oder weniger erfordert, hat er sich zu Versen emporgeschwungen, aber sie sind denn auch entsetzlich genug ausgefallen. So hat er das eine Mal den letzten Chor inL'amour médecin und das andere Mal das bekannte Impromptu des Mascarille inLes précieuses ridicules in gebundener Rede wiederzugeben versucht. Zum Glück ist es mit seiner Prosa doch besser bestellt. Man kann wohl sagen, daß er hier im großen und ganzen seinen Mann gestellt hat. Er hat zunächst nichts Wesentliches geändert oder gestrichen. Ein Wörterbuch hat er offenbar nicht benutzt, denn unbekannte oder weniger gebräuchliche Wörter sind nicht nachgeschlagen, sondern aus dem Zusammenhang erraten. Er muß also die französische Umgangssprache ziemlich beherrscht haben. Da er auch sonst mancherlei Kenntnisse zeigt, z. B. bei den Anspielungen auf antike Mythologie, wo er öfter erklärende und erweiternde Zusätze macht, so wird man in ihm ohne Zweifel einen Mann von Bildung vermuten müssen.

Auf der anderen Seite darf aber nicht verschwiegen werden, daß sich auch allerlei Schwächen in der Übersetzung finden. Die Anspielungen auf Pariser Literatur- und Lokal- verhältnisse sind meistens nicht verstanden oder ungenau wiedergegeben worden. Es kommen auch einige zweifellose Mißverständnisse vor. Die Wortwitze entbehren jeder Schärfe; auch für den Molièreschen Witz im allgemeinen zeigt der Übersetzer wenig Verständnis. Aus alledem folgt, daß eigentlich nur der platte Verstand, nicht aber die Molièresche Grazie und Komik in der Übersetzung zum Ausdruck gekommen ist. Eine Probe, die wir am Schluß des folgenden Kapitels zum Zweck der Vergleichung mit den Nürnberger Uber- setzungen bringen werden, wird dieses Urteil bestätigen.

2. Die Nurnberger UÜbersetzungen.

Nach ganz anderen Gesichtspunkten als der Herausgeber derSchaubühne ver- anstaltete 24 Jahre später der Nürnberger Verleger Johann Daniel Tauber eine deutsche Molière-Ubersetzung. Es ist das die erste, die den Namen des Dichters auf dem Titelblatt trägt; sie sollte sämtliche Komödien Molières umfassen, ist aber nie vollendet worden. Es sind nur die ersten drei Bände erschienen ¹).

Gleichzeitig mit der Ubersetzung gab derselbe Verleger eine französische Text- ausgabe heraus, und zwar nach der im Jahre 1691 erschienenen Amsterdamer Ausgabe von Henri Wetstein. Offenbar wollte er damit den in Deutschland verbreiteten französischen und niederländischen Textausgaben Konkurrenz machen.

In beiden Werken war der Druck so eingerichtet, daß sich Seite für Seite des Textes und der Ubersetzung genau entsprachen. Durch Ineinanderbinden beider konnte daher mit Leichtigkeit eine dritte Ausgabe hergestellt werden, in der dem französischen

¹) Exemplare befinden sich in Dresden, Mainz und Weimar. Von dem Mainzer Exemplar fehlt der erste Band. In Band II und III steht der französische Text voran, und es folgt die Übersetzung. Im Dresdener Exemplar, das in einen Band gebunden ist, befindet sich nur die Übersetzung.