Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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Molières hatten, ebensowenig fand der Übersetzer Ausdrücke für die Gedanken seines Dichters. Er stolpert von Wort zu Wort, wo er frei überträgt, wird er schwerfällig, die Witze fallen ihm fast ganz durch die Finger: der leuchtend klare Dialog wird hier wie in trüber Lache widergespiegelt.

Diese Kritik läßt meines Erachtens unserer Ubersetzung nicht volle Gerechtigkeit widerfahren. Lindau sagt selbst, daß die deutsche Sprache sich damals in einem Zustand der Verkommenheit befand, fordert aber nichtsdestoweniger von dem Übersetzer, daß er mit seinen rohen und ungefügen Sprachmitteln einem Dichter wie Molière gerecht werde, der mit seinen stilistischen Feinheiten in der graziösesten aller Sprachen heute noch un- übertroffen dasteht. Das ist zum mindesten ein unbilliges Verlangen. Eine UÜbersetzung kann hinsichtlich ihres stilistischen Wertes nicht einseitig nach dem Original gemessen werden. Es muß dabei auch die Beschaffenheit der sprachlichen Mittel, die dem Übersetzer bei der Anfertigung seiner Arbeit zur Verfügung standen, notwendig in Betracht gezogen werden. Doch nicht genug damit. Eine Übersetzung, die ausgesprochenermaßen nur Bühnen- zwecken dienen will, kann und muß sogar Anspruch darauf erheben, daß man sie im Ver- gleich zu der Sprache beurteile, die zu der betreffenden Zeit auf der Bühne in Wirklich- keit gesprochen wurde. Und wenn man unsere UÜbersetzung von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird man ohne Zweifel zu einem anderen Resultat gelangen.

Friedrich Zarncke hat(1884) zum erstenmal ihre Bestimmung für die Bühne mit besonderem Nachdruck hervorgehoben¹) und kommt unter Berücksichtigung dieser Tatsache im Gegensatz zu Lindau zu der Ansicht, daß sie recht frisch sei. Ein ähnliches Urteil fällt Bolte(1889), ²) der es für selbstverständlich hält, daß die zierliche Sprache des Originals, namentlich für das verwöhnte Ohr der Nachwelt, nicht annähernd wieder- gegeben wurde; aber trotzdem sei die Rede des Upersetzers lebendig und verständlich.

Ziemlich in demselben Sinne spricht sich Arthur Eloesser aus, und zwar auf Grund einer ausführlichen Untersuchung, die er im Jahre 1893 in denBerliner Beiträgen zur germanischen und romanischen Philologie unter dem TitelDie älteste deutsche Über- setzung Molièrescher Lustspiele veröffentlicht hat. Nach einer umfangreichen Einleitung hat er darin die Bildung des Übersetzers, die Verdeutschung der einzelnen Stücke, ihre stilistischen Erscheinungen und ihre Nachwirkungen auf das deutsche Drama, sowie die Verskunst des Übersetzers einer eingehenden Besprechung unterzogen. Es würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem überschreiten, wenn wir auf alle Einzelheiten der von Eloesser angeregten Fragen näher eingehen wollten; auch würde das nur für diejenigen von Interesse sein, die sich speziell mit der deutschen Sprache des 17. Jahrhunderts beschäftigen. Ich werde mich daher im folgenden darauf beschränken, eine kurze Charakteristik der Ubersetzung zu geben, und zwar im Anschluß an die Eloesserschen Resultate.

Von den fünf Molièreschen Stücken, die in derSchaubühne übersetzt sind, ist im Original nur eins in Versen geschrieben, nämlichLe cocu- imaginaire. Auch dieses Alexandrinerstück hat der Ubersetzer in Prosa wiedergegeben. Mit seinem dichterischen

¹) In seiner MonographieChristian Reuter. Der Verfasser des Schelmuffsky. Sein Leben und seine Werke. Abhandl. der sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. Philolog. hist. Klasse. Bd. IX. S. 470. ) a. a. O. p. 88.