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lichen Träger der Handlung auf, die zu gegebener Zeit den dramatischen Knoten schürzen und lösen.
Es wird z. B. niemand behaupten wollen, daß der Herausgeber„Les précieuses ridicules“ für seine„Schaubühne“ gewählt habe, um dem deutschen Theaterpublikum die kostbare literarische Satire vor Augen zu führen, die Molière darin gegen das Pariser Preciosentum seiner Zeit geschrieben hat. Bei der Auswahl dieses Stückes war für ihn nur der Verkleidungsscherz und die Prügelscene ausschlaggebend. Man kann sogar getrost be- haupten, daß der Übersetzer selber den tiefen Sinn dieser Komõdie nicht verstanden hat; denn sonst hätte er schon für den Titel eine bessere Übersetzung als„Die köstliche Lächerlichkeit“ finden müssen.
Man wird unbedingt dem Urteile Arthur Eloessers zustimmen müssen, der sich über die von dem Übersetzer getroffene Auswahl der Komõdien folgendermaßen äußert): „Der Ubersetzer bot also dem Publikum diejenigen Stücke, welche seinem Geschmack und seiner Gewohnheit durch die Behandlung bekannter Motive entsprachen und wiederum durch die Vertiefung dieser Motive, durch die Verfeinerung der Technik und die Ver- edelung der Sprache etwas ganz Neues boten. Diese Dramen waren die Brücke, welche zur Aufnahme und zum Verständnis der größeren Schöpfungen des Dichters, des Tartuffe und des Misanthrope, führen mußten. Die Verdeutschung gerade dieser Stücke ist ein un- schätzbarer Dienst, der dem verlotterten, veralteten Repertoire der Schaubühne geleistet wurde.“
Über den literarischen Wert der Übersetzung sind die allerverschiedenartigsten Urteile laut geworden. Eine Zeitlang scheint sie in der Literaturgeschichte sogar ganz in Vergessenheit geraten zu sein. Gottsched(1757) führt zwar die Titel der übersetzten Stücke noch an, äußert sich aber sonst nicht weiter dazu.²) C. H. Schmid(1775) gedenkt ihrer in seiner„Chronologie des deutschen Theaters“ schon nicht mehr. Erst bei Devrient (1848) taucht der Titel wieder auf, ohne daß vom Inhalt weiter die Rede ist, ³). Baudissin dürfte sie nicht gekannt haben, wenigstens erwähnt er sie in der Einleitung zu seiner Molière-bersetzung(1865) mit keiner Silbe. Im Jahre 1869 wird dann im„Magazin für die Literatur des In- und Auslandes“ wieder auf sie hingewiesen, doch bezieht sich diese Bemerkung nur auf den ersten Teil der Schaubühne. Auffallend ist, daß selbst der sammel- eifrige Lacroix in seiner umfangreichen„Bibliographie Moliéresque“(1872 und 1876) sie nicht erwähnt. Auch der große Molièreverehrer Schweitzer(1879) weiß nur die Titel der im ersten Bande der„Schaubühne“ enthaltenen drei Stücke anzugeben.)
Der erste, der unsere UÜbersetzung wieder zur Hand genommen und gelesen hat, ist Paul Lindau(1883). Allerdings lautet das Urteil, das er über sie fällt⁵), höchst un- günstig.„Die Ubersetzung ist eine ziemlich rohe“, sagt er,„entsprechend dem Zustand von Verkommenheit, in dem sich damals wie alles übrige in Deutschland auch die Sprache befand. Ebensowenig wie die deutschen Verhältnisse Ihnlichkeiten mit der Umgebung
¹) Die älteste deutsche Übersetzung Molièrescher Lustspiele. Berlin 1893. S. 17. ²) Nöthiger Vorrat zur Geschichte der dramatischen Kunst.
³) Geschichte der Schauspielkunst. Bd. I. S. 231.
⁴) Molière und seine Bühne. Bd. I. S. XXXVIf.
5) Molières ausgewählte Werke. UÜbersetzt von Bierling. Einleitung S. 8.


