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Schon der langatmige Titel der„Schaubühne“ erinnert an zwei ältere Unter- nehmungen ähnlicher Art, nämlich an die„Englischen Comödien und Tragödien“ aus dem Jahre 1620 ¹) und deren Fortsetzung:„Liebeskampf oder Ander Tnheil der Englischen Comö- dien und Tragõdien“ von 1630. Aus der zum Teil wörtlichen Ubereinstimmung der Titel hat man den Schluß gezogen, daß auch der anonyme Ubersetzer der„Schaubühne“ gleich dem der beiden englischen Dramensammlungen wahrscheinlich den Schauspielerkreisen angehörte.
Das Neue an der„Schaubühne“ ist, daß hier zum erstenmal auch französische Stücke in deutscher Ubersetzung auftreten, während es sich in ihren beiden Vorgängerinnen nur um die Verdeutschung englischer Komödien und Tragödien handelt. Unter den 22 Stücken, die in den drei Bänden der„Schaubühne“ vereinigt sind, stammen nämlich 12 aus dem Französischen, und davon haben 5 Molière zum Verfasser, während die übrigen von seinen Landsleuten Doneau de Visé, Philippe Quinault, Boisrobert, Thomas Corneille und Gabriel Gilbert herrühren.
Es ist wohl kein Zufall, daß gerade ein Molièresches Stück den Anfang der Samm- lung bildet, und zwar ist es„Amor der Artzt“(L'amour médecin)(S. 6— 44). Außerdem ent- hHält der erste Band von Molière„Die köstliche Lächerlichkeit“(Les précieuses ridicules) (S. 145— 185) und„Sganarelle oder der Hanrey in der Einbildung“(Sganarelle ou le cocu imaginaire)(S. 186— 221). Im zweiten Band steht nichts von ihm; erst der dritte bringt „L'Avare“ und„Georges Dandin ou le mari confondu“ unter den Titeln„Der Geitzige“ (S. 210— 328) und„Georg Dandin oder. der verwirrete Ehemann“(S. 500— 565).
Bei der Auswahl der Molièreschen Stücke hat sich der Ubersetzer offenbar von dem herrschenden Geschmack des schaulustigen Publikums seiner Zeit leiten lassen. Es sind daher nicht die bedeutendsten Werke Molières, die wir in der„Schaubühne“ vorfinden, sondern meistens Stücke untergeordneter Art, die noch mit äußeren Mitteln arbeiten, dafür aber ihrer Wirkung auf die ungebildete Masse um so sicherer sind. Zwei von ihnen, „L'amour médecin“ und„Le cocu imaginaire“ sind Farcen ausgesprochener Art; aber auch die übrigen Komödien, namentlich„Les précieuses ridicules“ mit ihrem zur damaligen Zeit außerordentlich beliebten Verkleidungsspaß und der darauf folgenden Prügelscene, gehören ihrer ganzen Anlage und Technik nach in dasselbe Gebiet. In allen diesen Stücken fand das deutsche Publikum seine alten Lieblinge, die Pickelheringe und Hanswurste oder wie sie sonst alle heißen mögen, in mehr oder weniger veränderter Gestalt wieder. Denn was sind im Grunde genommen die Diener oder lustigen Personen in diesen Molièreschen Farcen anders? Nur treiben sie ihre lustigen und zügellosen Possen nicht mehr außerhalb des eigentlichen Stückes, als selbständiges komisches Intermezzo, sondern sie sind als ein inte- grierender Bestandteil in die Komõödie selbst eingezogen und treten hier sogar als die eigent-
¹) Der vollständige Titel dieser Sammlung lautet:„Englische Comedien/ und Tragedien/ das ist:/ Sehr Schöne/ herrliche und auserlesene geist- und weltliche Comedi und Tragedi Spiel/ Sampt dem Pickel- hering/ welche wegen ihrer artigen/ Inventionen/ kurtzweiligen auch theils wahrhaftigen Geschicht halber von den Engelländern in Deutschland an Königlichen/ Chur- und Fürst-/ lichen Höfen auch in vornehmen Reichs-See und Handel Städten seynd agiret und gehalten worden/ und zuvor nie in Druck auß-/ gegangen./ Anjetzo Allen der Comedi und Tragedi Lieb- habern/ und Andern zu lieb und gefallen/ der Gestalt/ in offenen Druck gegeben/ daß sie gar leicht darauß/ Spielweiß wiederumb angerichtet/ und zur Ergetzlichkeit und Erquickung des Gemüths gehalten wer-/ den können. Gedruckt im Jahre MDCXX.“


