Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
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künstlerische Verfahren, was mich an ihm entzückt, sondern vorzüglich auch das liebens- würdige Naturell, das hochgebildete Innere des Dichters.

Das Urteil Goethes über denWeltliteraturpoeten der Franzosen ist in Deutsch- land schon seit geraumer Zeit wieder zur allgemeinen Geltung gekommen. In dem ab- gelaufenen Spieljahre hat Molière auf den deutschen Bühnen nicht weniger als 208 Auf- führungen erfahren, und zwar ist der Tartuffe, das am meisten aufgeführte Stück, allein 59 mal gespielt worden. Wir sehen, daß Molière mit dieser Zahl nicht einmal weit hinter unserem größten Dichter zurückbleibt, dessen MeisterwerkFaust in dem gleichen Zeitraume nur 88 mal gegeben wurde. Zu dieser erhöhten Wertschätzung, deren sich Molière nun schon seit einer Reihe von Jahren bei uns erfreut, hat nicht zum wenigsten das Er- scheinen der UÜbersetzung von Ludwig Fulda beigetragen. In diesem feinsinnigen Dichter und Sprachkünstler scheint nämlich demfranzösischsten aller französischen Dichter endlich der lang ersehnte deutsche Dolmetsch erstanden zu sein, der es zum ersten Male verstanden hat, alle Feinheiten desesprit gaulois in deutscher Sprache wiederzugeben. Seine UÜbersetzung hat dem Verfasser der vorliegenden Arbeit den Gedanken nahe gelegt, einmal in dem Rahmen einer bibliographisch-literarischen Studie einen kurzen Uberblick über die Geschichte der deutschen Molière-Ubersetzungen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart zu geben.

I. Gesamt- und Teilübersetzungen.

1. Die Frankfurter UÜbersetzung.

Die erste deutsche Übersetzung Molièrescher Stücke erschien im Jahre 1670, also noch bei Lebzeiten des Dichters. Sie befindet sich in der dreibändigen Dramensammlung, die den Titel führt:Schau-Bühne! Englischer/ und Frantzösischer Comödianten, Auff welcher werden vorgestellet die! schönsten und neuesten Comödien, so vor wenig fahren in Franckreich, Teutschland und mandern Orten, bey Volckreicher Versamlung seynd agiret und praesentiret worden. Allen der Comödi Liebhabern und/ andern zu Liebe und Gefallen dergestalt in! offenen Druck gegeben, daß sie leicht darauß Spiel- weise wiederum angerichtet, und zur Ergötzlichkeit/ und Erquickung deß Gemüts gehalten/ werden Eönnen. Franckfurt, In Verlegung ſohann Georg Schiele, Buchhändlers. Im fahr MDCLXX.

Im zweiten und dritten Bande hat der Titel neben unwesentlichen Anderungen einige Zusätze erhalten; er lautet dort:Schau-Bühnen Englischer und Frantzösischer/ Comö- dianten,(Ander Theil, Dritter Theil) Auff welcher sampt dem Pickelhäring werden vor- gestellet etc., auch der Verlagsort wird durchFranckfurt am Mayn genauer angegeben. Die drei Bände zählen je 594, 531 und 565 Seiten. ¹)

¹) Exemplare der Schaubühne befinden sich nach Angabe von Bolte(Herrigs Archiv. Bd. 82. S. 84.) in Berlin, Dresden. Haag, Hamburg, Kopenhagen, London und Stockholm. Ich kann hinzufügen, daß auch die Freiherrl. Carl von Rothschildsche Bibliothek zu Frankfurt a. M. ein Exemplar besitzt. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, der letztgenannten Bibliothek auch öffentlich Dank zu sagen für die freundliche Bereit- willigkeit, mit der sie mir die zu dieser Arbeit nötige und höchst umfangreiche Literatur von verschiedenen auswärtigen Bibliotheken vermittelt hat.