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Mag nun auch eine Ubersetzung in deutscher Sprache viel besser und treuer her- zustellen sein als in irgend einer anderen Sprache, so ist und bleibt sie doch immer nur ein Notbehelf, namentlich in den Fällen, wo es sich um Wiedergabe eines literarischen Kunstwerkes handelt. Eine solche Ubertragung, und wenn sie noch so treu und vollkommen ist, kann nun und nimmer das Original ersetzen; sie schafft im günstigsten Falle ein neues Kunstwerk, das sich zu seinem Originale verhält etwa wie ein Kupferstich zu seinem Originalgemälde. Eine gute Übersetzung, deren Lektüre einen ästhetischen Genuß bietet, wird aber immer viel eher als eine schlechte Übersetzung in dem Leser den Wunsch erwecken, das Original kennen zu lernen. Und das ist im Grunde genommen das höchste und schönste Ziel der Ubersetzungskunst: Nicht das Original zu unterdrücken, sondern zu ihm hinzuführen. Wie herrlich und treffend äußert sich darüber Friedrich Leopold Graf zu Stolberg in einer Anmerkung zu seiner Iliasübersetzung, als er die griechischen Worte„dazeudey Jsldaada“ nicht besser zu verdeutschen wußte als durch die Worte:„Lächelnd mit weinenden Augen!“ Er sagt:„O, lieber Leser, lerne Griechisch und wirf meine UÜbersetzung ins Feuer.“
Es gibt aber Fälle, in denen wir der Übersetzungen nicht gut entraten können. Für die Sprachunkundigen sind sie das einzige Mittel, um sich mit den Geisteserzeugnissen fremder Nationen bekannt zu machen. Aber auch die Sprachkundigen und die„Gebildeten“ können ihrer nichtegut entbehren. Wieviele unserer„Gebildeten“ sind z. B. im stande, Shakespeare im Original zu lesen? Und das deutsche Theater vollends wird unter keinen Umständen auf UÜbersetzungen verzichten dürfen. Man bedenke nur, daß Shakespeare im Spieljahre 1902/03 auf den deutschen Bühnen 722 Aufführungen fand, eine Zahl, die erst ihre rechte Bedeutung gewinnt, wenn man damit vergleicht, daß während derselben Zeit von unseren Klassikern Schiller 1114 mal und Goethe nur 347 mal aufgeführt wurde.
Wie steht es nun mit Molière?— Auch auf ihn wird das deutsche Theater nicht verzichten können, schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil wir bis auf den heutigen Tag noch keinen Klassiker des Lustspiels aufzuweisen haben. Es gab zwar in Deutschland eine Zeit, wo man Molière überwunden zu haben glaubte.„Schlegel und die Romantiker — so schreibt Ludwig Fulda im Vorwort zu seiner Molière-Ubersetzung— warfen ihn zum alten Eisen; Hettner in seiner vielgelesenen Literaturgeschichte kanzelte ihn mit wohl- weiser Präzeptormiene ab; Heinrich Laube bestritt ihm vom Standpunkt des erfahrenen Theaterpraktikers die Fähigkeit, auf der modernen Bühne zu wirken. Diese Zeit ist vor- über. Wir wissen heute Molières dichterische Erscheinung gerechter zu würdigen als Schlegel und Hettner, und unsre Bühnenleiter denken über die Aufführbarkeit seiner Stücke anders als Laube. Der Totgesagte hat fast alle die Lebendigen überlebt, denen der Burgtheaterdirektor ihn damals aufgeopfert hat; ja, er besitzt genug Wetterfestigkeit, um auch noch eine Anzahl von ungeborenen Tageshelden zu überdauern.“
Diese Nichtachtung, die Molière in Deutschland zeitweise bei einigen Literar- historikern und Bühnenleitern fand, ist um so auffallender, als Goethe während seines ganzen Lebens mit aufrichtiger Bewunderung zu ihm emporgeblickt hat. Nur eine seiner vielen Außerungen über Molière(aus den Gesprächen mit Eckermann) sei' hier erwähnt: „Ich kenne und liebe Molière seit meiner Jugend und habe während meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Ich unterlasse nicht, jährlich von ihm einige Stücke zu lesen, um mich immer im Verkehr des Vortrefflichen zu erhalten. Es ist nicht bloß das vollendete


