Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die deutschen Molière-Ubersetzungen.

PEine bibliographisch-literarische Studie von

Dr. Paul Wohlfeil, Oberlehrer.

Einleitung.

Wir Deutschen können mit Fug und Recht behaupten, daß wir die meisten und besten Übersetzungen haben, die es in irgend einer Sprache gibt. Alle hervorragenden Dichter und Denker fremder Völker aus vergangenen und gegenwärtigen Zeiten sind uns in mehr oder weniger guten Übertragungen zugänglich gemacht. Wir besitzen somit eine Weltliteratur in deutscher Sprache, um die wir von anderen Nationen oft beneidet werden. Erst unlängst hat wieder ein englischer Literarhistoriker den bedeutungsvollen Wunsch ausgesprochen, er möchte als Deutscher geboren sein, weil ihm dann die Gelegenheit gegeben wäre, die besten Erzeugnisse der Weltliteratur in guten Übersetzungen kennen zu lernen.

Unsere Sprache istdie bildsamste von allen und gestattet uns daher, die literarischen Werke alter und neuer, ferner und naher Völker in Form und Inhalt getreuer nachzubilden, als es in anderen Sprachen möglich ist. Zudem sind wir als das sprachkundigste Volk in der Welt bekannt, und so erklärt es sich, warum wir auf dem Gebiete der UÜbersetzungs- literatur einer solchen Menge von berufenen und unberufenen Dolmetschen begegnen. Freilich ist unter ihnen die Zahl derer, die auf diesem Felde Ruhm und Ehre erwarben, verhältnismäßig nicht sehr groß; immerhin finden wir aber darunter die glänzenden Namen eines Joh. Heinrich Voß, eines Friedrich Leopold von Stolberg, Schleiermacher, Droysen, Donner, Jordan, Simrock, Gildemeister, Hertz, Schlegel und vieler anderer. Sie alle waren Meister der UÜbersetzungskunst und verdanken ihren Ruhm hauptsächlich der glücklichen Fügung, daß sie Philologen und Künstler in einer Person waren. Ihnen gegenüber steht die große Zahl von Dilettanten und solchen Übersetzern, die mit unzureichenden Mitteln an ihre Aufgabe herantreten und besten Falls als Hand- werker ihres Faches zu bezeichnen sind. Namentlich wird in neuerer Zeit die franzö- sische und englische Literatur von Ubersetzern dieser Art heimgesucht, und zwar aus einem sehr erklärlichen Grunde. Diese beiden Sprachen werden am meisten in Deutschland ge- lernt, und jeder, der sie gelernt hat, glaubt, auch aus ihnen übersetzen zu können.