Aufsatz 
General Custine in Nassau-Weilburg / Friedrich Woell
Entstehung
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tragenden Contribution, sondern auch an dem vielen anderen, was die Bringer der Frei- heit und Gleichheit sich aneigneten, gemerkt hatten, wie die Franzosen die Sache aus- legten, da wusste auch der Fürst von Nassau-Weilburg, was ihm und seinen Landen bevorstand. Ein Widerstand mit den Waffen würe selbst dann nicht möglich gewesen, wenn sein Contingent, welches er zum deutschen Reichsheere zu stellen hatte, und das sich seit der Capitulation von Mainz vollständig in Weilburg befand, nicht durch die Ca- pitulationsbedingungen gegen Frankreich zu kämpfen gehindert gewesen wäre. Er schickte desshalb Unterhändler zum General Custine nach Mainz und erwirkte für sich und seine Lande einen Freibrief. Für die Ausstellung des Freibriefes waren die nominellen oder actenmässigen Gründe jene oben angeführten, der motorische aber derjenige, welcher von allen Staatsmännern von Philipp von Macedonien an bis auf unsere Zeit als der wirk- samste bezeichnet wird. Die Höhe der aufgewendeten Summe wird uns nicht genannt; dass aber ein roué, welcher, wie sein eigener Enkel rühmend von ihm erzählt, in einem Winter(1786 1787) 300,000 Franken bei den Gesellschaften in Versailles im Spiele verlor*), viel brauchte und zu fordern verstand, ist mehr als wahrscheinlich. Der er- wirkte Freibrief aber lautete also: Au quartier général de Mayence le 3 Novembre 1792. L'an I. de la république Française. Sauve-Garde.(L. S.) Nous, Adam Philippe Custine, citoyen français, général des armées de la république, ordonnons à tous Commandants de postes et de troupes, à tout soldat et citoyen français, de respecter et faire respecter les terres, chäteaux, maisons, granges, foréts, jardins, cours, appartenances et dépen- dances de monsieur le prince régnant de Nassau-Weilbourg, rendant tous commandants de troupes et de postes responsables de toutes violences, qui pourraient être commises sur la dite maison, les personnes, qui l'habitent, déclarant due tout soldat ou citoyen français, qui déshonorerait ce beau titre, en se permettant des violences, sera regardé et traité comme ennemi de la république. Le général d'armée Custine.

Am 10. des nämlichen Monates November, also sieben Tage nach Ausstellung dieser Sauve-Garde, des Abends um acht Uhr, erschienen zwei unter dem directen Oberbefehl desselben Generals Custine stehende französische Corps vor des Fürsten Re- sidenzstadt Weilburg. Derselbe Oberst Houchard, welcher Frankfurt geplündert hatte, führte das eine von Limburg kommende, das zweite, welches von Usingen her kam und den Vortrab des Generals Custine selbst bildete, hefehligte ein Oberst Ruttenberg. Auf der linken Seite der Lahn, vor dem Kirchhofsthore(jetzt Landthore), vereinigten sich die beiden zusammen zwischen fünf- und sechstausend Mann zühlenden Corps, rückten in die Stadt und besetzten die Stadtthore und das Residenzschloss. Hierauf versicherten sich die beiden Commandanten der Person des Fürsten und aller Zugänge zum Schlosse, in welchem sie selbst ihr Quartier nahmen. Der jungen Fürstin Isabella war es noch möglich gewesen, während des Einzugs mit ihrem damals fünf Monate alten Erbprinzen, dem nachmaligen Herzoge Wilhelm, zu entkommen. Auf einem mit Stroh zugerüsteten Bauernwagen flüchtete sie, begünstigt vom Dunkel der Herbstnacht, nach Hachenburg, ihrem angestammten Erblande. Dem Fürsten selbst ist es hoch anzuschlagen, dass er nicht, wie z. B. der Kurfürst von Mainz, Friedr. Carl Joseph von Erthal, und viele an- dere, bei der ersten Nachricht von dem Heranrücken der Franzosen seine eigene Person in Sicherheit brachte, sondern mit Nichtachtung der Gefahr, welche trotz der Sauve-

*) Marquis de Custine, la Russie en 1839. Paris 1843, vol. I, p. 35.