Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? : 2. Teil
Entstehung
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conſervativ geſinnte Bürger bei ſeinem Morgenkaffee die Läſterungen, die ein moderner Therſites, ſei es im Reichstage oder in ſonſtigen Verſammlungen gegen die höchſtſtehenden Perſönlichkeiten ſchleudert, mit einem gewiſſen behaglichen Schmunzeln warum? weil ſieein Körnlein Wahrheit enthalten; einer, der nur Lügen vorbringt, kann ſich auf die Dauer nicht behaupten, er verfällt dem Gelächter. So haben auch die Griechen dem Therſites, da er Wahres mit Falſchem zu miſchen verſtand, mit Vergnügen zugehört, wenn er die Vornehmen herunterriß und zum Gegenſtand des Gelächters machte; aber dieſelben Leute haben, als jener mit Worten und Schlägen von Odyſſeus fortgejagt wurde, ſich gefreut, daß dem unverſchämten Läſterer das Maul geſtopft ſei.

Eine ähnliche Perſönlichkeit wie Therſites, ein Gegenſatz zu dem Haupthelden, iſt in der Odyſſee Eurylochos. Bekanntlich wird dieſer( 190 ff.) von Odyſſeus nach der Landung auf der Inſel Aiaia auf Kundſchaft ausgeſchickt und kommt mit 22 Begleitern zum Palaſte der Kirke, auf deren Einladung alle übrigen in ihrem Unverſtand(aνο) hinein gehen, während Eurylochos in ängſtlicher Vorſicht(ckadsvor d0Noy styat) draußen bleibt. Als die Gefährten nicht mehr zum Vorſchein kommen, eilt er zurück und meldet dem Odyſſeus das Geſchehene. Dieſer geht ſofort zur Wohnung der Göttin, widerſteht ihrem Zauber und befreit ſeine Leute, worauf er zum Schiffe zurückkehrt und die dort Zurückgebliebenen auffordert, ihm zur Kirke zu folgen. Alle ſind bereit, nur Eurylochos ſucht ſie durch die Warnung zurückzuhalten, Odyſſeus werde ſie durch ſeine Verwegenheit ins Unglück ſtürzen, wie er auch das Verderben der 6 Gefährten in der Höhle des Kyklopen verſchuldet habet). Hierüber ergrimmt Odyſſeus ſo, daß er das Schwert zieht und dem kecken Redner den Kopf abgehauen haben würde, wenn die übrigen Gefährten es nicht gehindert hätten. Weshalb aber gerät er in ſolchen Zorn? Wäre es nicht viel natürlicher, wenn er, beſonders nachdem er ſich v. 271 ſo gleichmütig gezeigt hatte, in aller Ruhe und mit einem gewiſſen Spotte dem Eurylochos ſagte:Gut, bleibe Du hier, wenn Du es nicht beſſer haben willſt; wir werden uns dort gütlich thun. Und doch iſt dieſer Zorn vollſtändig natürlich dargeſtellt und pſychologiſch begründet, wenn der Dichter auch nur die Thatſache, nicht aber den Grund angibt.2) Zornig wird Odyſſeus, weil die Beſchuldigung, die Eurylochos ausſprach, berechtigt war, wie er: 228 ſelbſt erzählt;3) wäre der Vorwurf unbegründet geweſen, ſo würde er ihn entweder verlacht oder kaum beachtet haben. Wenn Eurylochos ſpäter auch derjenige iſt, der die Genoſſen dazu antreibt, ſich an den Rindern des Helios zu vergreifen und einige zu ſchlachten, ſo läßt ſich dieſe That einigermaßen entſchuldigen; er zieht, wenn doch geſtorben ſein muß, das Ertrinken dem langſamen Hungertode vor, zumal auf ihn und ſeine Genoſſen, die nicht ſo duldend und ausharrend ſind, wie Odyſſeus, der Hunger um ſo peinigender einwirkte, da vor ihren Augen die Rinder des Helios umherſpazierten. So eerſcheint mir Eurylochos als der Typus eines ängſtlich vorſichtigen, philiſterhaften Menſchen, der weder ſelbſt ein Held iſt, noch irgend ein Verſtändnis für die Heldennatur des Odyſſeus hat, gegen den er gelegentlich mit einer gewiſſen Berechtigung ſich auflehnt. ¹)

Selbſt von dem frechſten der Freier, Antinoos, läßt ſich nicht ſagen, daß er in ſeinem Benehmen dem bettelnden Odyſſeus gegenüber in jeder Beziehung Unrecht gehabt hätte. Der zerlumpte und ekelhafte Bettler, deſſen Anblick Jedem Abſcheu erregt, tritt dicht an den Tiſch des ſchmauſenden Antinoos heran und erzählt ausführlich ſeine Leidensgeſchichte. Iſt es nicht natürlich, daß dieſer losfährt und den läſtigen Gaſt zum Teufel wünſcht und dabei äußert, die andern Freier hätten leicht geben, da es aus fremdem Gute gehe; auf andrer Leute Koſten ſich freigebig zu zeigen, ſei keine Kunſt.5) Hierauf hat der Bettler ſchlagfertig ſofort die

1) ¼, 437: 106roo Jap zal etvor draoοdakiJoty öOyo.

2) S. 8 Note 6.

3) S. 13 Note 2.

4) Der Anſicht E. Roſenberg's in Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik. 1896. 2te Abth. S. 62 ff., daß E.der böſe Geiſt des Helden, die Perſonification des Geiſtes, der ſtörend in die Sonnenbahnen des Heldentums tritt ſei, kann ich mich nicht anſchließen.

5) 446 ff.