Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? : 2. Teil
Entstehung
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Tugenden und Vorzügen, aber auch behaftet mit Fehlern und Schwächen. Es gibt bei ihm keine abſolut guten, tadelloſen, in jeder Beziehung vortrefflichen Helden, dem Ideal würde Hektor wohl näher kommen als Achilleus und andrerſeits thun und ſagen ſelbſt anſcheinend ganz ſchlechte Kerle doch nicht immer nur Schlechtes, ſondern bringen auch Richtiges und Berechtigtes vor. Daß z. B. Odyſſeus, obgleich oxlöpnfrc, doch nicht fehlerlos iſt, ſondern wie jeder andere Menſch ſeine Schwächen hat, iſt ſchon früher von mir nachgewieſen.) Nach ¹ 228 verbleibt er aus bloßer Neugier trotz der Warnung ſeiner Gefährten in der Höhle des Kyklopen?) und aus demſelben Grunde will er 192 uneingedenk der Mahnung der Kirke zu den Sirenen fahren. Eine Unbeſonnenheit war es, daß er, um der Rache ſich vollſtändig erfreuen zu können,3) dem geblendeten Polyphem ſtatt des früher angegebenen erdichteten Namens den gwirklichen nannte. Denn hierauf flehte der Kyklop ſeinen Vater Poſeidon um Rache an, während, wenn Odyſſeus ruhig abgefahren wäre⸗ und ſeinen Namen nicht genannt hätte, jener ihn nicht hätte verklagen können.

Den Gegenſatz zu den Helden bilden Leute wie Therſites, Eurylochos, Antinoos u. A., die von den Erklärern gewöhnlich als abſolut ſchlechte Subjecte aufgefaßt werden, welcher Meinung ich nicht beipflichte. Ueber Therſites haben außer den eigentlichen Fachgelehrten auch Schriftſteller wie Leſſing, Herder und Jakobs*) ſich ausgeſprochen. Während Leſſing in der Darſtellung des mißgeſtalteten, ſchmähſüchtigen Aufwieglers nur die Abſicht Lachen zu erregen findet, meint Jacobs, er ſei ein nichtswürdiger Läſterer, deſſen verächtliche Geſinnung durch körperliche Mißgeſtalt noch mehr in die Augen fällt. Herder hält ihn für nichtswürdig nnd häßlich zugleich, betrachtet ihn aber gewiſſermaßen als einen Vertreter des griechiſchen Pöbels, der Alles ſage, was Leute ſeines Gleichen auf dem Herzen haben.

Die Therſitesepiſode zeigt deutlich, daß zur Zeit, als ſie gedichtet wurde, in Griechenland zugleich mit politiſchem Leben auch politiſche Parteien und Gegenſätze vorhanden waren. Wenn dieſe auch nicht in ſolcher Schärfe und ſo bewußt einander gegenübertraten, wie in der ſpäteren Zeit, ſo mußte doch das Königtum und die ariſtokratiſche Partei auf die Meinung des Volkes, die in der öffentlichen Verſammlung zum Ausdruck kam, Rückſicht nehmen, beſonders da die Redefreiheit eine unbeſchränkte war. Wie Achilleus und Kalchas ſich⸗ nicht ſcheuen, gegen den Oberanführer aufzutreten, ſo daß nur durch das Dazwiſchentreten der Athene Thätlichkeiten verhindert werden, ſo ſchleudert in der zweiten Verſammlung Therſites, ein Mann aus dem gemeinen Volk, keck und frech ſeine Vorwürfe gegen das Oberhaupt. Der Dichter, der ariſtokratiſch geſinnt iſt, macht aus ſeiner Abneigung gegen den Volksverhetzer kein Hehl und ſtellt ihn deshalb als körperlich mißgeſtaltet dar; aber ſo weit iſt er doch nicht gegangen, daß er ihm lauter Lügen in den Mund gelegt hätte. Vielmehr iſt Alles, was der Läſterer ſagt, wahr, aber freilich für Parteizwecke bearbeitet und zugeſtutzt und mit giftiger Zunge vorgetragen richtig iſt doch, daß Agamemnon immer zuerſt ſeinen Anteil erhält, ſei es Gold oder eine junge Sklavin, wenn er auch ſelbſt bei einer Unternehmung nicht beteiligt war, daß er ferner dem Achilleus, der doch tapferer ſei als er, ſein Ehrengeſchenk geraubt habe u. ſ. w., Vorwürfe, wie ſie ſchon Achilleus ſelbſt ähnlich ausgeſprochen hatte, der ſogar ſo weit ging, den Oberkönig der Feigheit zu bezichtigens) Jedenfalls hat Homer ſchon eingeſehen, daß, um einen Demagogen darzuſtellen, es nicht genüge, ihn als Läſterer oder Lügner zu bezeichnen, ſondern daß auch eine gewiſſe Wahrheit in ſeinen Anſchuldigungen enthalten ſein müſſe. Denn erſt gerade dadurch machen derartige Brandreden Eindruck ſelbſt bei denjenigen, die einer andern Partei angehören. So lieſt auch heutzutage zuweilen mancher ſonſt ganz

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Vgl. Progr. 1883. S. 19. Soj. 5:. ,)) 2." 5* 5*

2 Seine Fehler geſteht er ſelbſt ein: 3739 510 05 r r' Ay od zetoy Jsv.

3) Nach Ariſtot. Rhet. II, 3, 16 iſt die Rache erſt dann vollkommen ausgeübt, wenn der Betroffene weiß, von wem und

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weshalb er ſie erlitten: 450 5996, snolnaHοα ˙Oea rOXI6Oy. 6& 05 kstiHGEvoO«, et u) odero zal O†' d zal àyd' ö100.

4) L: Laokoon; H: Kritiſche Wälder: J: Vermiſchte Schriften.

5) A 225 ff.