— 9— Erſchütterung des Heimgekehrten drückt er aus in den wenigen Worten:„er faßte den Sauhirten an der Hand und ſprach zu ihm.“¹) Warum faßte er ihn bei der Hand? Bei ſeiner tiefen Gemütsbewegung ſuchte er einen Halt, den er fand, indem er die Hand des Eumaios ergriff; zugleich aber mußte er fürchten, daß dieſer ſeine Rührung bemerke und vielleicht Verdacht ſchöpfe, und deshalb ſpricht er die anſcheinend gleichgiltigen Worte:„Fürwahr, Eumaios, dieſes ſchöne Haus muß das des Odyſſeus ſein,“ gleichſam als habe er durch ſein Anfaſſen jenem nur zu erkennen gegeben, daß er etwas ſagen wolle.— Ganz ähnlich iſt der Vorgang in demſelben Geſange v. 304 ff. Durch den Anblick des Hundes Argo, der ſeinen Herrn erkennt und begrüßen will, aber vor Schwäche ſich nicht vom Boden erheben und herbeikommen kann, wird Odyſſeus zu Thränen gerührt, verſteht es aber durch einige an den Hirten gerichtete Fragen, die Aufmerkſamkeit deſſelben von ſich abzulenken.
Ebenſo muß man zwiſchen den Zeilen leſen bei der Zuſammenkunft des Bettlers mit Penelope. Dieſe hat durch Eumaios erfahren, daß der Fremdling ſo ſchön erzählen könne und daß er behaupte, ein Gaſtfreund des Odyſſeus zu ſein, der demnächſt nach Hauſe zurückkehren werde. Sofort regt ſich in ihr das Verlangen den Fremden ſelbſt zu ſehen und zu hören und ſie läßt ihn daher durch Eumaios auffordern, zu ihr zu kommen.²) Die Zuſammenkunft findet nach dem Vorſchlage des Bettlers, der jegliches Aufſehen vermeiden will, erſt am Abend nach dem Weggang der Freier ſtatt und Penelope fragt alsbald nach ſeiner Herkunft. Da bittet dieſer, ſie ſolle ihn alles, was ſie nur wolle, fragen, nur nicht nach ſeiner Herkunft und ſeinem Vaterlande, da dies ihm zu ſchmerzliche Erinnerungen errege.3) Warum will er hierüber nichts berichten, während er doch früher in der Hütte des Eumaios auf deſſen Befragen ſofort bereit war ſeine— freilich erdichtete— Leidensgeſchichte zu erzählen? Der Dichter, der uns kein Wort darüber geſagt, was in dem Herzen des Helden vorgeht, als er ein zerlumpter Bettler ſeiner Frau gegenübertritt, ſchweigt auch über den Grund ſeiner ablehnenden Bitte; aber dieſer läßt ſich aus dem Zuſammenhang leicht erſehen: Die Wahrheit über ſeine Perſon kann er der Penelope noch nicht mitteilen; es iſt ihm aber peinlich und beſchämend ſeiner Frau eine Unwahrheit ſagen zu müſſen und deshalb möchte er dieſer Verlegenheit überhoben ſein; aber da ſie(v. 162) auf ihrem Verlangen beſteht, bleibt ihm nichts übrig als wieder Wahres und Falſches zu miſchen. Wie ſchwer ihm dies aber wird, ſcheint mir auch aus dem Anfang der Erzählung hervorzugehen, indem er ſich ausführlich über die Verhältniſſe in Kreta, die dort wohnenden Völker und ihre Sprachen ausläßt, während ſonſt ſolche Ortsbezeichnungen ganz kurz abgethan werden. Sollte der Erzähler für dieſe ethnographiſchen Einzelheiten gerade bei Penelope ein beſonderes Intereſſe vorausgeſetzt haben? Ich glaube, dieſe etwas weitſchweifige Einleitung deutet eine gewiſſe Verlegenheit des Helden an, der Zeit gewinnen will, um ſich zu überlegen, wie er, da er doch einmal Lügen vorbringen muß, doch möglichſt nahe bei der Wahrheit verbleiben könne, und ſo iſt denn auch ſein Bericht nur hinſichtlich der die Perſönlichkeit des Erzählers betreffenden Umſtände erdichtet, ſonſt aber wahrheitsgemäß.¹) Seine Erzählung macht einen ſolchen Eindruck, daß Penelope in Thränen zerfließt, während er, obgleich er Mitleid mit der Klagenden empfindet, doch ſeine Gemütsbewegung mit Gewalt unterdrückt und die Thränen des Mitgefühls zurückhält. Wie ſchwer ihm dies wurde zeigt v. 211:„ſeine Augen ſtanden ſtarr in den Wimpern wie Horn oder Eiſen.“⁵) Beim Anblick des Hundes Argo hatte ihn die Rührung übermannt, hier aber gelang es ihm des faſt überquellenden Gefühls Herr zu werden.
¹) aDrap d Jedc 5X, OOeuns G9867). 2)% 529: ES*½,ε0, dsdpo Xd*³». Ayriov adroc Sviom. Durch die daktyliſchen Rhythmen und die Dreiteilung des Verſes tommt der Eifer der Redenden zum Ausdruck. 3) 115: x 3u?„dy ra hy aa srNa 06 Ox*, 1è? Ho à5spéeive Jeνοςα αα ανd Talay, B7 hot aoy doy SveXhone 60bvGG naevo. ¹) Ioxs„sddsa oAAlA 6ry SröOety öota. 5) 211: 5 daXuot d' G« et zεa Saraoav 72 0Oi8„oOs aεAςα εXεꝓραέ⁴.ρμσꝑù ³6⁶ νλρ᷑m˙νj Ʒεε danpoa 2S50.


