Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? : 2. Teil
Entstehung
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eilfertigen und flüchtigen Leſen der Homeriſchen Gedichte entgegenzutreten. Zunächſt geht's an E 290 ff. ¹). Die Lanze des Diomedes trifft den Pandaros an der Naſenwurzel, fährt durch die Zähne, durchſchneidet den hinteren Teil der Zunge und die Spitze dringt hinter dem Kinne heraus. Wie iſt dies möglich, da doch Pandaros auf dem Wagen ſtand, während Diomedes vom Boden aus kämpfte? Beſonders groß wird freilich der Unterſchied in der Höhe nicht anzunehmen ſein, nach W 375 ff.2) erwärmen bei dem Rennen die dicht hinter dem Wagen des Eumelos laufenden Roſſe Rücken und Schultern des Vordermanns mit ihrem Atem aber ſei er auch noch ſo gering, jedenfalls ſtand Pandaros höher. Konnte aber nicht, wie Einige meinen, Diomedes ſich auf einem höheren Platze, etwa einemHügelchen befinden, oder hat er ſeine Lanze im Bogen geworfen? Das wäre aber einmal ein ſchöner Bogenwurf geweſen! Oder iſt dies Alles nur ſo zugegangen, weil Athene als Helferin dabei war und, nach Anſicht eines Scholiaſten, da ſie größer und höher war, die Lanze von oben her lenkte?³) Die Götter ſind ja allmächtig 9sol d8 re äyra dövayra! Während ſonſt Homer Verwundungen mit phyſiologiſcher Genauigkeit beſchreibt, ſo daß ſelbſt mediciniſche Autoritäten dies anerkannt und gemeint haben, er müſſe von Prieſtern in mediciniſchen und anatomiſchen Dingen unterrichtet worden ſein,¹) ſcheint er es hier einmal nicht genau genommen zu haben, quandoque bonus dormitat Homerus! Die Löſung iſt ſehr einfach; nur muß man ſich den Vorgang viel ſchneller vorſtellen, als ihn der Dichter mit epiſcher Ausführlichkeit geſchildert hat, und beſonders die beiderſeitigen Reden ſind wegzudenken: Pandaros ſchleudert ſeinen Speer und ſieht ihm, wie das beim Wurf natürlich iſt, in etwas vorgebeugter Stellung nach. Unmittelbar darauf ſauſt die Lanze des Diomedes heran, der nach dem Kopfe des Gegners gezielt hat. Pandaros will ausweichen und bückt ſich etwas, ſo daß der Kopf ſich nach vornhin beugt und das Kinn die Bruſt berührt. In dieſer Stellung trifft ihn die Lanze an der Naſenwurzel und nimmt genau den angegebenen Weg.) Ganz beſonders iſt es nötig ſich die Situation lebhaft zu vergegenwärtigen an ſolchen Stellen, wo der

Dichter nach unſerer Auffaſſungarm an Worten erſcheinen könnte, und nur durch das Thatſächliche wirkt. /5) So in der herrlichen Stelle 263. Odyſſeus iſt mit dem Sauhirten vor das Thor ſeines Palaſtes gelangt. Welche Gefühle mögen die Bruſt des Mannes durchſtürmen, der nach zwanzigjähriger Abweſenheit, nachdem er ſich durch Männerſchlachten und ſchreckliche Wogen hindurchgekämpft, ſpät, unglücklich, aller Genoſſen beraubt, als elender Bettler vor ſeinem Eigentum ſteht, das er, wie er weiß, erſt durch furchtbaren Kampf ſich erringen muß! Welch herrlicher Vorwurf für einen modernen Dichter, uns die Gedanken und den Schmerz des Helden ausführlich zu ſchildern! Von alle dem bei Homer keine Spur! Die innere Exgriffenheit und

1) SE⁴³.& S'1Db Adhon Btya nap' 6ꝓ a⁵³⁶ν, 1e20b« 5'5ſsv 006 vrac, ro5 d'and y A.eay en ahs Jaxlrde arstpihe, at- 5'SSc5d a veiao aGva. 1 vo' ESnN.O1o Hs rAε 25s*˙' G 95ust', 2' a5, JA sabdr zaradgyrs kersv. AD7 Lsio, 55aA zal 5 NOréa a,dsy katsosxlν ποπmε εν d690. Ich bin nicht dieſer Anſicht, ſondern glaube, daß der Dichter ſich ſeine anatomiſchen Kenntniſſe in der Praris des Kriegs erworben hat. Jedenfalls war er ein Kriegsmann, wie Sachverſtändige, darunter Napoleon I., ſchon längſt erkannt haben, wie auch Bergk, Griechiſche Literaturgeſchichte, I. Berlin 1872. S. 828 behauptet, daß Homer nicht nur Diener der Muſen, ſondern auch des Ares geweſen ſei. An gewiſſen Stellen, wie z. B. 5 212 228 ſcheint mir der Dichter zugleich ein Sänger und ein Held ſeine Kriegsluſt und ſeine perſönliche Freude an allem, was mit dem Kriegshandwerk zuſammenhängt, ganz beſonders zum Ausdruck gebracht zu haben.

Aehnlich dachte ſich den Vorgang ſchon im Scholiaſt: nposesuaas 6 Iera,o, Ze²α ro De4a7d: 87 X2ιοεισς εεεονεαι dOεν, b5Tw« SXhn i e e Sea.

5) Vgl. Herder, Fragmente über die neuere deutſche Literatur: jener griechiſche Sänger, der arm an Worten und reich an HKandlung war, der ſeine Ideen nicht malt, ſondern mit lebendigen Körporn umhüllet.

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