Nach meiner Erfahrung— möglicher Weiſe bin ich ein landator temporis acti— mangelt der heutigen Jugend der Sinn für ruhiges Sehen und Betrachten; Gegenſtände des gewöhnlichen Lebens, die ihr doch täglich aufſtoßen, werden nur eines flüchtigen Blickes gewürdigt, ſo daß ſich keine beſtimmte Vorſtellung bildet. Daher benutze ich bei der Homerlectüre jede Gelegenheit, um die Schüler zu genauerer Beſichtigung der ctwa vorkommenden Gerätſchäften u. ſ. w. zu veranlaſſen. Wird z. B. E 722 ff. die Beſchreibung des Wagens der Hera geleſen, ſo ſind die Schüler wohl über die Bedeutung von Deichſel(Eoué«), Speiche (wvi), Axe(äv) und Radreif(dr οννεεο) im Klaren; ſie haben auch im Wörterbuch nachgeſchlagen, daß huyn die Nabe und kros die Felgen heißt; ob ſie aber alle mit dieſen Worten eine Vorſtellung verbinden und wirklich wiſſen, was ſie bedeuten, bezweifele ich ſehr. Wenn man nun den homeriſchen Wagen unter Vorzeigung einer Abbildung oder eines Modells, etwa des Henfell'ſchen, erklärt hat, ſo ſoll man ſich nicht damit begnügen, daß man bei Vergleichung der alten Beſpannung mit der jetzigen anführt, daß damals die Pferde nur durch das Joch an der Deichſel befeſtigt waren, während ſie jetzt in Strängen laufen u. ſ. w., ſondern man veranlaſſe die Schüler ſich heutiges Fuhrwerk und Geſchirr näher zu betrachten; ſie ſehen dann z. B., daß die Räder jetzt nicht dxräzwua ſind, wie die des Herawagens, ſondern 12 Speichen mit 6 Felgen haben, für welche Zahl ſie vielleicht eine mathematiſche Begründung finden können. Abgeſehen von der Bercicherung ihrer Anſchauung vergrößern ſie bei dieſer Gelegenheit auch ihren Sprachſchatz, indem ſie eine Anzahl gut deutſcher Worte kennen lernen, wie Kummet, Runge, Siele, Sillſcheit u. A. m. und verſtehen dann auch den Bismarck'ſchen Ausſpruch„ein braves Roß ſtirbt in den Sielen“. Durch eine ſolche Vergleichung antiken Gerätes mit modernem haftet nicht nur die Vorſtellung ſelbſt feſter, ſondern die Schüler, die leicht geneigt ſind mit einem gewiſſen Dünkel oder mit Gleichgültigkeit an ſolchen Dingen vorüberzugehen, werden dadurch angeleitet auch außerhalb der Schule ihre Augen zur Beobachtung offen zu halten. Leider geſchieht es häufig genug, daß ſie als 005600 0 sro»s« ayt o„νy ſich mit bloßen Worten begnügen, denen die Begriffe fehlen. So wird 5521¹) flott überſetzt:„Handvoll auf Handvoll fällt in Schwaden zur Erde“, während vielleicht kein einziger weiß, was„Schwaden“ bedeutet, und wenn es dem Lehrer nur darum zu thun iſt, eine möglichſt große Zahl von Verſen zu erledigen, ſo wird er ſich dabei eben ſo wenig aufhalten, wie etwa bei X 600²), wo die Töpferſcheibe erwähnt wird. Bei dieſer Stelle frage ich immer, ob die Schüler ſchon einen Töpfer an der Scheibe hätten arbeiten ſehen. Gewöhnlich lautet die Antwort verneinend, obgleich nur wenige Schritte vom Gymnaſium entfernt ein Töpfer wohnt, deſſen Kunſt doch, wie man glauben könnte, junge Leute intereſſieren ſollte. Manche der aus dem Landleben hergenommenen Schilderungen und Vergleichungen ſind freilich für Stadtbewohner nicht ſo leicht zu verſtehen, wie z. B. E 902 ff. 4) das Verharſchen der Wunde Aphrodites verglichen wird mit dem allmählichen Dickwerden der Milch, die, nachdem Lab hineingeworfen iſt, herumgerührt wird, eine Stelle, die übrigens viele Erklärer, und unter ihnen ſchon Euſtathius, nicht verſtanden haben, indem ſie ſtatt nsperpécsrat, ſie wird ringsum dick, das verkehrte sporpécgerau ſetzten.
Oben auf S. 6 habe ich angeführt, wie am beſten zum richtigen Verſtändnis Homer's zu gelangen und ſelbſt für anſcheinend ſehr ſchwierige Stellen eine befriedigende Erklärung zu finden iſt. Nach dieſer Methode, die ganz auf dem Boden der Schule erwachſen und in meiner früheren Arbeit an verſchiedenen Beiſpielen durchgeführt iſt, ¹) will ich noch einige Stellen behandeln, beſonders in der Abſicht, dem
1) dparhara d' äxXa usr' öruo Siuαᷣν ꝙðõπιαοντον ρανε⁸. 2) G« örs Tir TSOTv äsvov Sy aXlονν 206Hsvos zsaueoꝓ nsipissrat al*² 4 tv. 3) 69 d* ör' dd« Jäha Neord erf6vO« ObvESs?, 67Pòv 85 Bäha d' za sptrε ρε al mκννιον. 4) Unter andern habe ich dort S. 19 die Stelle 8 349 ff., die früher ganz verkehrt aufgefaßt wurde, beſprochen. Dieſelbe
Erklärung hat ſpäter ein praktiſcher Seemann, ohne meine Arbeit zu kennen, veröffentlicht. Vgl. Arthur Breuſing⸗Bremen: Nautiſches zu Homeros. Jahrbücher für Phil. und Päd. 1885. Bd. 131. S. 94 ff.


