Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? : 2. Teil
Entstehung
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Dieſes gewinnt man am beſten dadurch, daß man ſich das Erzählte oder Geſchilderte möglichſt lebendig und genau vergegenwärtigt und ſich ganz in die Situation hineinverſetzt, ein Verfahren, das für die Erklärung mehr Erfolg bietet als der gelehrteſte Commentar. Man ſollte nun meinen, dieſe Vergegenwärtigung ſei etwas ſehr leichtes bei der Lectüre eines Dichters, deſſen Anſchaulichkeit von jeher mit begeiſterten Worten geprieſen worden iſt, wie denn z. B. Göthe ſich darüber ganz entzückt bei ſeinem Aufenthalt in Unteritalien und Sicilien ausſpricht.) Ihm hörte die Odyſſee auf ein Gedicht zu ſein, ſie ſchien die Natur ſelbſt. Nun erſt(in Italien) iſt mir die Odyſſee ein lebendiges Wort.²) Wenn nun auch nicht jeder ſo glücklich iſtdie Geſtade Homer's zu ſchauen,3) non cuivis homiri contingit adire Corinthum ſo iſt doch am Ende jeder im Stande ſich das von dem Dichter anſchaulich Dargeſtellte zu vergegenwärtigen und gleichſam mit zu erleben, und von einem Lehrer vollends darf man wohl erwarten, daß er ſich bemühen wird, ſeinen Schülern das Geleſene zu einemlebendigen Wort werden zu laſſen. Es wird ja gerade in unſrer Zeit mit Recht nachdrücklich gefordert, daß jeder Unterricht anſchaulich ſein ſolle, und wo könnte man dieſem Verlangen leichter nachkommen, als bei der Lectüre des Dichters, deſſen Werk Göthedie Natur ſelbſt zu ſein ſchien? Zudem hat man jetzt Hülfs⸗ und Lehrmittel in Menge, ſowohl Bilder als auch Modelle und Nachbildungen verſchiedener Art, die alle der Veranſchaulichung dienen und bei richtiger Anwendung unzweifelhaft ſehr förderlich ſind.

Ich ſage ausdrücklichbei richtiger Anwendung, denn ich glaube bemerkt zu haben, daß von dieſen Lehrmitteln häufig ein ſehr verkehrter Gebrauch gemacht wird. Viele meinen, die Hauptſache ſei ein reichlicher Vorrat von Bildern, die unter den Schülern herumzugeben oder an den Wänden des Schulzimmers aufzuhängen ſeien; das Verſtändnis finde ſich von ſelbſt. Weit gefehlt! Eine ſolche Verwendung iſt bloße Spielerei, die ſogar ſchädlich wirkt, indem ſie zur Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit verleitee. Die Schüler ſehen nicht das, worauf es ankommt, ſondern ihr Blick haftet gewöhnlich an Nebendingen, und ſo haben ſie weder Verſtändnis noch Genuß. Man muß ſie das richtige Sehen förmlich lehren und daher ſind nur Bilder zu empfehlen, die ſo groß ſind, daß alle ſie gleichzeitig ſehen und den Erklärungen des Lehrers folgen können. Bei der Lectüre des Homer halte ich überhaupt nur ſolche Bilder für notwendig, die das Verſtändnis fördern, während bloße Illuſtrationen zu den von dem Dichter geſchilderten Vorgängen mögen ſie auch von Flaxman, Genelli oder Preller herrühren zwar gelegentlich verwendbar, aber doch nicht unbedingt nötig erſcheinen, da zunächſt die Phantaſie des Leſers ſich das Gehörte lebendig geſtalten muß.¹) Ueberhaupt iſt die erſte Quelle der Anſchauung der Dichter ſelbſt; die Hülfsmittel kommen erſt in zweiter Linie und bei ihrer Anwendung iſt jede Uebertreibung zu vermeiden und der Spruch und⸗ Ara zu beherzigen.)

1) Brief an Schiller. 14. Januar 1798.

Vgl. über Göthe's Begeiſterung für Homer: Schreyer, Göthe und Homer. Programm der Königl. Landesſchule Pforta. 1884. Lücke, Göthe und Homer. Programm der Kloſterſchule zu Ilfeld. 1884.

Wem es nicht vergönnt iſt die klaſſiſchen Stätten zu beſuchen, dem empfehle ich als Erſatz ganz beſondersGriechiſche Frühlingstage von Eduard Engel. Jena. J. Coſtenoble, 1877 ein Buch, das kein Schulmann, der Homer zu behandeln hat, ungeleſen laſſen ſollte. Trotzdem der Verfaſſer keine Gelegenheit vorüber gehen läßt über uns arme Philologen loszuziehen, beſonders weil wir das Griechiſche anders ſprechen als die modernen Hellenen, ſo verſöhnt er uns doch wieder durch ſeine Begeiſterung für Homer und durch die herrlichen Schilderungen, wie z. B. des Aufenthalts in Ithaka, der großen Wäſche im Pamiſos, der Recitation im Theater von Argos u. A. m. S. 5 ſagt er:Als gutes Reiſebuch empfehle ich Homer's Odyſſee, beſonders für den Beſuch der joniſchen Inſeln. Ich habe daraus mehr von Griechenland und in Griechenland mehr von der Odyſſee begriffen, als je auf den Schulbänken oder unter dem Profeſſorkatheder. Vgl. Luckenbach, Archäologiſche Anſchauungsmittel im Gymnaſialunterricht. Neue Jahrbücher für Philologie u. Pädagogik, 1896. 2te Abth. S. 8 ff.

Hat man doch ſchon gemeint, bei der Erklärung der erſten Horaziſchen Ode müſſe man bei der Stelle si neque tibias Euterpe cohibet nec Polyhymnia Lesboum refugit tendere barbiton auf den ganzen Cyklus der im Vatikan aufgeſtellten Muſen, ihre Erhaltung und Ergänzung, ihre Attribute und deren Berechtigung hinweiſen!

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