Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? : 2. Teil
Entstehung
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an der nötigen Zeit, um dieſe Leiſtungcn genauer kontrolieren zu können, und daher erledigt der Schüler die Arbeit meiſt flüchtig und unter Beiſtand zweifelhafter Hülfsmittel, an deren Gebrauch er ſich dadurch gewöhnt.

Schon im erſten Teil habe ich mich gegen das Streben, bei der Lectüre des Homer möglichſt große Penſen zu bewältigen, erklärt. Ich finde nicht, daß ſeit dem Erſcheinen der neuen Lehrpläne es in dieſer Beziehung beſſer geworden iſt, vielmehr glaube ich aus den Notizen in den Programmen und nach ſonſtigen Beobachtungen ſchließen zu dürfen, daß die Sache ſich eher verſchlimmert hat. Während man bei der Lectüre des Sophokles oder eines Platon und Thukydides langſam und gemeſſen vorgeht, weil dieſe Schriftſteller hinſichtlich der Sprache und des Inhalts viele Schwierigkeiten bieten, hält man den Homer für ſehr leicht und eilt mit ſeiner Lectüre im Sturmſchritt voran, gleichſam als wenn nur die Zahl der geleſenen Bücher und Verſe den Maßſtab für die Leiſtung abgebe. Und was wird ſchließlich mit dieſer Haſt erreicht? Der Schüler hat höchſtens eine unklare Erinnerung an einige Teile des Inhalts, er iſt durch die Eilfertigkeit zur Ungründlichkeit verleitet und die Menge des ihn umflutenden Stoffes hat abſtumpfend auf ihn gewirkt, Herz und Sinn iſt von der Schönheit der Dichtung unberührt geblieben. Wenn ich ſolche Eile tadele, ſo rate ich deshalb nicht, allzu langſam zu leſen und das Epos zu grammatiſchen und ſonſtigen Excurſen zu mißbrauchen,¹) aber Alles, was zum Verſtändnis. des Dichters notwendig iſt und die Erreichung des oben bezeichneten Zieles fördert, muß friſch und lebendig behandelt werden, und zwar nicht ſo, daß der Lchrer ſofort die Erklärnng giebt, ſondern daß er den Schüler dieſelbe finden und ſich darüber ausſprechen läßt. Es verſteht ſich eigentlich dieſes Verfahren von ſelbſt, aber ich glaube es doch ausdrücklich fordern zu müſſen, weil ich weiß, daß viele Lehrer, um recht ſchnell in ihrem Penſum vorwärts zu kommen ein Zeichen der Haſt unſrer Zeit es vorziehen, dem Schüler ſofort die Muſterüberſetzung und die zum Verſtändnis nötigen Bemerkungen geben, ſtatt ihn, ſoweit dies möglich iſt, zu gemeinſamer Arbeit heranzuzichen.

Iſt nun Homer wirklich ſo leicht zu verſtehen, wie gewöhnlich angenommen wird? Hat doch Göthe geſagt, Homer ſei der leichteſte griechiſche Autor, den man aber aus ſich ſelbſt verſtehen lernen müſſe. Auch ich bin der Meinung, daß die meiſten der für die Jugendlectüre geeigneten griechiſchen Schriftſteller mehr Schwierigkeiten hinſichtlich des Verſtändniſſes bieten als Homer, aber ich kann doch deshalb nicht zugeben, daß man ihn ſo eilfertig lieſt, als bedürfe er faſt gar keiner Erklärung; es will mir vielmehr ſcheinen als ob den ſo hoch entwickelten Culturmenſchen der Neuzeit es manchmal ſehr ſchwer falle, ſich in die Einfachheit und Natürlichkeit der Homcriſchen Zeit zu verſetzen und demgemäß auch den Dichter richtig zu verſtehen und aufzufaſſen. So habe ich in der Praxis des Unterrichts ſchon oft gefunden, daß Ausdrücke, die gewöhnlich als ganz verſtändlich gelten, gar nicht ſo leicht erfaßt worden und deshalb einer Beſprechung bedürfen. So z. B. Z 295: Hekabe holt unter den Gewändern als Geſchenk für die Athene das größte und ſchönſte heraus,Hell wie ein Stern, ſo ſtrahlt' es und lag das unterſte aller?.) Warum lag es zu unterſt? Oder P 11:Notos breitet Nebel aus, der nicht Hirten erwünſcht, doch dem Raubenden beſſer denn Nacht iſt.)) Warum iſt der Nebel für den Dieb beſſer als Nacht? Wenn man die eben angeführten Fragen in der Schule ſtellt, ſo wird es, wie ich wiederholt erfahren habe, immer einige Zeit dauern, bis man die Schüler auf die richtige Antwort gebracht hat, die ſich ergiebt, wenn ſie ſich die Situation vergegenwärtigen. Die Herausgeber haben gewö onlich derartige Stellen nicht berückſichtigt,*) in der Schule aber müſſen ſie beſprochen werden, damit ein richtiges Verſtändnis erreicht wird.

1) Vgl. O. Jäger, aus der Praxis. Nr. 91.:Man muß die Partiteln um Homers, nicht Homer um der Partikeln willen treiben. Nr. 93:Und bei der Lectüre des Homer z. B. ſollte man denken, es wäre doch ſelbſtverſtändlich, daß man den Dichter um ſeiner ſelbſt willen läſe! Ach Gott!

2) Derſelbe Vers auch 0,108. Aarp 5 G« AntXapunsv, Exsrto OE vsiaro« aANGO. 5 29 An olsνν ν Sinnv, zhénrh d s»oxoe aus.

) Die Scholia in Jliadem ed Jmm. Bekker geben eine Erklärung.