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Auswahl der Schullectüre Rückſicht zu nehmen auf Fragen, die nur die Wiſſenſchaft angehen und über die die Fachgelehrten ſelbſt noch nicht einig ſind. Der Schule fällt nicht die Aufgabe zu, aus den beiden vorliegenden Epen eine Ur⸗Ilias und UrOdyſſee herauszuſchälen, die ſpäter hinzugedichteten Beſtandteile auszuſcheiden und Haupthandlung und Epiſoden ſtreng auseinander zu halten; ¹) Alles dieſes iſt Sache der gelehrten Forſchung, deren Reſultate ſich bis jetzt noch vielfach widerſprechen. Für die Schule dürfen nur ethiſche, äſthetiſche und pädagogiſche Rückſichten maßgebend ſein und daher ſind unzweifelhaft jüngere Teile der Ilias, wie die Teichoſkopie, Glaukos und Diomedes, Hektors Abſchied, die Doloncia, die Kampfſpiele bei der Leichenfeier des Patroklos u. ſ. w., manchen Teilen der ſogenannten Ur⸗Ilias, wie z. B. der Teichomachie, weit vorzuziehen. Mag auch die Einfügung mancher Epiſoden in das Urepos gezwungen erſcheinen, wie z. B. die Motivierung von Hektor's Gang in die Stadt Z 86 ff. eine höchſt ungewandte iſt, da ſchon ein Schüler es auffallend finden wird, daß der im Kampfe unentbehrliche Held in die Stadt geht, nur um eine Botſchaft zu überbringen, die jeder Andere ebenſo gut hätte ausrichten können, ſo wird man doch deshalb dieſe Epiſode,?2) die uns den Führer der Troer als Ideal ſchöner und edler Männlicheit erſcheinen läßt, gewiß nicht der Jugend vorenthalten. Ebenſo werde ich, trotzdem man bewieſen hat,„daß wir in Q, Hektor's Löſung, die Arbeit eines ſpäteren Compilators vor uns haben“,³) dieſen Geſang ſomohl wegen ſeiner ſonſtigen Schönheiten,¹) als beſonders deshalb, weil er einen das menſchliche Gefühl befriedigenden und verſöhnenden Abſchluß des Epos bildet, für die Schullectüre beanſpruchen.
Da ich oben die Geſichtspunkte angegeben habe, nach welchen bei der Auswahl der Lectüre zu verfahren iſt, ſo will ich von der Aufſtellung eines Kanons der zu leſenden Geſänge oder Epiſoden abſehen; auch beabſichtige ich nicht, mich darüber zu verbreiten, welche Stücke der Privatlectüre zuzuweiſen ſeien, da ich mit dieſer bis jetzt keine beſonders befriedigenden Erfahrungen gemacht habe. Für den Lehrer fehlt es
1) Vgl. Zeitſchrift für das Gymnaſialweſen, Jahrg. 1894. S. 661 ff., mit Referat des Dr. Reinhardt, Frankfurt und Correferat des Dr. Lange, Marburg über„die aus Ilias und Odyſſee für die Schullectüre zu treffende Auswahl“. Ich teile faſt vollſtändig die Anſicht des Correferenten, vermiſſe aber in ſeiner Auswahl die Kampfſpiele, à9à., W 262 ff., die doch für die Jugend ſo intereſſant ſind und hinſichtlich der dramatiſchen Lebendigkeit und der Charakteriſierung der einzelnen Kämpfer zu den ſchönſten Teilen des Ilias gehören. Beſonders herrlich iſt Achilleus dargeſtellt: mit ritterlicher Höflichkeit empfängt er die Feſtgäſte, mit Gewandtheit weiß er die Spiele zu leiten und bei der Beurteilung der Leiſtungen und bei der Verteilung der Preiſe das richtige Wort zu finden— der Unterricht, den er erhalten 659„ dS gmtip/ Ensvar xpεπκρ⁴ ds E970 I. 443, iſt nicht vergeblich geweſen— wie fein und zartfühlend iſt er dem Neſtor gegenüber, wie freundlich gegen Antilochos, wie zuvorkommend gegen Agamemnon. Wahrlich, er iſt, wie Gladſtone ſagt, ein gentleman par excellence! Gladſtone, homeriſche Studien, ſrei bearb. v. Schuſter. Leipzig 1863. S. 292. Und doch iſt auch ſie nicht von den Nörgeleien der Kritik verſchont geblieben. So hat man v. 479—481 verdächtigt, weil es ein Widerſpruch ſei, wenn Hektor, der vorher das Schickſal Ilions und ſeiner Familie vorausſah, wünſche, daß ſein Sohn noch gewaltiger als der Vater werden und oft zur Freude ſeiner Mutter als Sieger heimkehren möge. Haben dieſe Leute nie gehört, daß in den verzweifelſten Lagen, im Augenblick des Untergangs ſelbſt den Menſchen die Hoffnung nicht verläßt? So wäre auch Schillers Ausſpruch verkehrt: Sie(die Hoffnung) wird mit dem Greis nicht begraben:
Denn beſchließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. Vgl. Weidlich, zur Compoſition des 24. Buches der Iliade. Progr. des Seminars zu Maulbronn. Tübingen 1875. S. 3 u. 25. Köchly, Hektors Löſung, Zürich 1859, S. 4 hat ſich über die portiſche igentümlicheit dieſer Rhaphoſie begeiſtert ſo auszuſprechen: Mit Recht haben die Alten das herrliche Gedicht ExrOPO? Lorpa„Hektor's Löſung“ genannt. Es iſt eine Ariſteia anderer Art, als wie ſie uns ſonſt die homeriſche Poeſie bietet. Der eigentliche Held iſt der todte Hektor,„der überwundene Mann“, welchen„des Liedes Stimme“ zum Mittelpunkte einer reich gegliederten und doch einheitlich abgeſchloſſenen Handlung macht. Auch dieſe Handlung iſt ein Kampf: es wird ja auch hier um einen Leichnam gekämpft. Aber dieſer Kampf iſt ein geiſtiger, der die innerſten Fibern des Menſchenherzens erbeben macht und nach den gewaltigſten Erſchütterungen durch Furcht und Mitleid mit einer wahren Befriedigung und„Reinigung“ abſchließt. So iſt die Rhapſodie nach Stoff und Behandlung nicht nur im Allgemeinen tragiſch, ſondern ſie bildet ſchon gleichſam ein Vorbild jener beſonderer Tragödien, in denen das Schickſal gefallener Helden behandelt wird, wie der Antigone, des Ajas, der Schutzflehenden des Euripides.
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