Wie iſt Homer in der Schule zu leſen d II. Wai.
Von Dr. L. Wittmann.
Seit dem Erſcheinen meiner erſten Arbeit über die Lectüre des Homer ſind 14 Jahre verfloſſen, ein Zeitraum, innerhalb deſſen die deutſchen Gymnaſien manche herbe Erfahrung gemacht haben. Zuerſt kam der Ueberbürdungsſturm) mit ſeinen beſonders gegen die alten Sprachen gerichteten Angriffen und mit der Forderung einer vollſtändigen Umänderung des höheren Schulweſens.²) Die heftigen Kämpfe, während welcher zahlloſe Reformvorſchläge auftauchten, fanden einen vorläufigen Abſchluß durch die im Dezember 1890 abgehaltene Berliner Konferenz, die freilich keinen Teil befriedigte, am wenigſten die Vertreter des humaniſtiſchen Gymnaſiums. Denn die Stundenzahl in den alten Sprachen wurde verringert und dies mußte notwendig zu einer Aenderung der Lehrpläne und der einzelnen Penſen führen. So iſt denn auch die Lectüre des Homer in Mitleidenſchaft gezogen worden, und die frühere Forderung, daß Ilias und Odyſſee im Gymnaſium vollſtändig zu leſen ſeien,³) iſt heute feſtzuhal ten nicht mehr möglich— notgedrungen muß man ſich auf eine Auswahl der hrigſen Teile beſchränken.
Wie und nach welchen Geſichtspunkten iſt dieſe Auswahl vorzunehmen?? Leichter wird man ſich darüber verſtändigen, was ganz wegzulaſſen iſt, wie die ſittlich anſtößigen Stellen, die vielen Wiederholungen, eintönige Kampfſcenen, die ſchließlich ermüden, u. A. m.;3¹) dagegen zu leſen iſt Alles, was das Intereſſe erweckt, geiſtbildend wirkt, woraus der Gang der Handlung und der Plan des ganzen Epos zu erkennen iſt, was in dem Schüler allmählich eine Ahnung von der gewaltigen Größe dieſes Dichters aufkommen läßt, daß er für die Einfachheit und Natürlichkeit wie für die Großartigkeit und vollendete Kunſt dieſer Dichtungen inniges Verſtändnis gewinnt und ſie ſchätzen, bewundern und lieben lernt. Auf keinen Fall aber hat man bei der 3 Vgl. Ziegler, Geſchichte der Pädagogik. München 1895. S. 350. ff.
Leider mangelt es der Abwehr von Seiten der Altphilologen vielfach an ſcharfer Energie. Wenn man von vornherein ſchon zugiebt, in 6 Stunden könne eben ſoviel Griechiſch gelernt werden als in 7, oder der Anſicht iſt, die Beibehaltung der alten Sprachen ſei nur eine Frage der Zeit, d. h. über kurz oder lang müßten Griechiſch und Lateiniſch doch aus dem Unterrichtsplan ſchwinden, ſo iſt man ſchon zurückgewichen und darf ſich nicht wundern, wenn die Gegner in ihren⸗ Forrderungen immer ungeſtümer vorgehen. Würde doch derartigen Umſtürzlern immer eine ſo gelungene Abfertigung zu Teil, wie ſie kürzlich das Organ des Gymnaſialvereins veröſſentlichte!(Vgl. A. Ohlert, die deutſche höhere Schule beſprochen v. J. Keller im Humaniſtiſchen Gymnaſium 1896. S. 166 ff.) Vgl. Schrader, Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre. Berlin 1868. S. 427:„eine Forderung, von welcher nur unter beſonderen Umſtänden abgewichen werden ſollte. „Vgl. Schiller, Handbuch der prakt. Pädagogik. S. 450.
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