Aufsatz 
Wie ist Homer in der Schule zu lesen? / von L. Wittmann
Entstehung
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Wie iſt Homer in der Schule zu leſen? von Dr. L. Wittmann.

Die Epen Homers bilden bekanntlich in unſeren Gymnaſien den Hauptbeſtandtheil der griechiſchen Schullectüre und zwar ſo, daß in der Regel in Secunda die Odyſſee und in Prima die Ilias geleſen wird, eine Einrichtung, die ſich in langjähriger Praxis bewährt hat und gegen welche unſres Wiſſens von pädagogiſcher Seite beachtenswerthe Bedenken noch nicht erhoben worden ſind. ¹) Aber bei aller Ueberein⸗ ſtimmung, die in dieſer Beziehung herrſcht, ſcheint man doch hinſichtlich der Art und Weiſe, wie dieſe Lectüre zu betreiben ſei, nicht ganz einig zu ſein, vielmehr muß man, wenn aus den freilich ſehr dürftigen Notizen der Schulprogramme ſowie aus den Leiſtungen mancher ſogenannten Schulausgaben und kritiſcher ſowohl wie exegetiſcher Abhandlungen ein Schluß zu ziehen geſtattet iſt, annehmen, daß Homer als Schul⸗ ſchriftſteller vielfach einer Behandlung unterworfen wird, die ſtatt den Schüler für den Dichter zu begeiſtern, ihn eher mit Unluſt und Ueberdruß erfüllt.

Eine ſolche nachtheilige Einwirkung wird zunächſt durch das neuerdings ſo ſtark hervortretende Stre⸗ ben, möglichſt große Lectürepenſa zu bewältigen, veranlaßt. Im Gegenſatz zu dem früher üblichen ſchlep⸗ penden und ſchläfrigen Verfahren, nach welchem vor lauter Gründlichkeit alljährlich nur ein oder zwei Bücher Homer in der Schule durchgenommen wurden, verlangt man jetzt mit vollem Recht daß möglichſt viel geleſen werde, da der Text nicht dazu da iſt, um nur als Gelegenheit zu grammatiſchen oder geſchicht⸗ lichen Excurſen und Erklärungen zu dienen.²) So ſehr wir auch mit dieſer Forderung einverſtanden ſind, ſo will es uns doch manchmal ſcheinen, als ob ſtattmöglichſt vielübermäßig viel geleſen und hier⸗ durch die Gründlichkeit hinſichtlich des Verſtändniſſes, der Auffaſſung und Aneignung in Frage geſtellt werde. Wenn man in manchen Programmen die lange Reihe der im Laufe des Schuljahrs geleſenen Schriftſteller und Bücher überblickt, ſo könnte man faſt glauben, daß allein die Zahl der geleſenen Kapitel den Maßſtab für die richtige Leiſtung abgebe und daß diejenige Schule die beſte ſei, die das größte Lec⸗ türequantum aufweiſe. Dieſe Auffaſſung theilen wir nicht, ſondern ſind der Meinung, daß das übermäßige Leſen, wenn das richtige Verſtändniß fehlt, entweder abſtumpfend wirkt oder zur Ungründlichkeit verleitet. Es ſind uns Schüler vorgekommen, die drei Jahre lang Homer und zwar die ganze Odyſſee und einen Theil der Ilias geleſen und doch hierdurch weiter nichts erreicht hatten, als daß ſie mit einer gewiſſen Leichtigkeit oder auch Leichtfertigkeit Homeriſche Verſe überſetzen konnten; von Genauigkeit und Gründlichkeit war keine Rede, über Inhalt und Zuſammenhang der geleſenen Bücher wußten ſie gar nichts zu ſagen, ja ſie waren nicht einmal im Stande einen Hexameter metriſch richtig, geſchweige denn aus⸗ drucksvoll zu leſen, da ihre Lehrer ſchon ſeit längerer Zeit nur ſofortiges Uebertragen ins Deutſche gefor⸗

¹) Vgl. Schrader, Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre. Berlin 1868. S. 422:Vom Homer gehört die Odyſſee der Secunda, die Ilias wegen des lebendigeren und dramatiſcheren Ganges und wegen der größeren Fülle in Sprache und Schil⸗ derung der Prima. Nägelsbach freilich(Schmid's Eneyklopädie, 2. Aufl. 1. Bd. S. 926 unter Klaſſiſche Schullectüre) meintmit welchen Büchern man anfängt, und ob mit Ilias oder Odyſſee, das iſt im Grunde gleichviel.

²) Vgl. Bäumlein in Schmid's Encykl. 2. Bd. S. 385 unter Expoſition.