Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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So ist die Handlung ohne Eingriff der Göttin Athene zu Ende geführt; aus dem Wesen der Personen heraus hat sich alles entwickelt, ohne dass wir darum von vornherein diesen Ausgang hätten vorhersehen müssen. Fehlt es auch an Reichtum und Fülle der äusseren Handlung, so ist die innere Entwickelung, die Darstellung der Seelenkämpfe um so reicher. Nirgends stockt die Handlung in diesem Sinn. Uberall wird unser Anteil lebhaft in Anspruch genommen und in Spannung erhalten; wir fühlen uns bald tief erschüttert, bald hoch erhoben, wenn wir eben zu denken und den Gedanken anderer zu folgen gewohnt sind, wenn wir nicht in erster Linie sinnlichen, sondern geistigen Genuss von des Dichters Werk erwarten.

Vor allem aber können wir mit unserem ganzen Herzen bei der Sache sein. Denn wenn es auch die furchtbare Pelopidensage ist mit all ihren Greueln, in die uns der Dichter hinein- führt, nirgends tritt uns wie hier und da im Euripideischen Stück irgend etwas als edel oder nur als zulässig und natürlich entgegen, was wir von unserem christlich-deutschen Stand- punkt aus nicht billigen könnten, was uns abstossen müsste. Von Anfang an dürfen wir die tröstende Hoffnung fassen und festhalten, dass der Fluch sich lösen, dass reine Menschlichkeit die menschlichen Gebrechen sühnen wird. Darin, dass die Personen des Götheschen Stückes uns einerseits als wirkliche Griechen und Scythen erscheinen und dass wir andererseits uns ganz in ihr Denken und Handeln zu versenken, uns mit ihnen eins zu fühlen imstande sind, liegt der geheime Zauber, den das deutsche Schauspiel beim Lesen wie bei der Aufführung auf uns übt. Unsere heutige Vergleichung des Inhalts der beiden Stücke wird uns zum Be- wusstsein gebracht haben, warum unser Fürchten und Hoffen die Gestalten Göthes keinen Augenblick verlässt, warum unser Herz jubeln muss, als endlich die Wahrheit, die edel mensch- liche Gesinnung über alle drohenden Gefahren den Sieg gewinnt.

Lehrplan für den Unterricht in der Geschichte, entworfen in Gemeinschaft mit den Fachlehrern und dem Königlichen Provinzialschulkollegium eingereicht von dem Direktor.

I. Aufgabe des Geschichtsunterrichts.

Der Geschichtsunterricht an den höheren Schulen hat in erster Linie die Aufgabe Be- geisterung für die Grossthaten einzelner Männer wie ganzer Völker zu wecken, sodann mit der äusseren und inneren Entwickelung der für uns bedeutungsvollsten Völker und namentlich unseres eigenen Volkes bekannt zu machen und hierdurch die Grundlage dazu zu geben, künftig die Gegenwart aus der Vergangenheit verstehen zu lernen.

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