Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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müssen sie ihr beistehen. Unbeirrt durch Thoas' Hohn, sie meine, dass der Barbar die Stimme vernehmen solle, die Atreus, der Grieche, nicht vernahm, entgegnet sie dem König, dass diese Stimme jeder höre, der sein Herz nicht verhärte, gleichviel, wes Stammes er sei. Sinnt Thoas Verderben, so mag es sie zuerst treffen, denn sie hat dann des Bruders Untergang verschuldet. Es ist ihr Bruder, die Gewissheit kann ihr kein Zweifel des Königs rauben. Und dieser wird sie ziehen lassen zur Heimat, dass sie mit reinem Herzen, reiner Hand das Haus des Atreus

entsühne. Du hältst mir Wort! Wenn zu den Meinen je Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst Du mich zu lassen; und sie ist es nun. Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen, Verlegen zu, dass er den Bittenden Auf einen Augenblick entferne, noch Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft; Dann fühlt er erst die Höhe seiner Wurde, Wenn er den Harrenden beglücken kann.

Schon wendet sich des Königs Herz. Da naht Orestes mit gezücktem Schwert. Neue Verwickelung droht. Für den Augenblick verhindert Iphigenie den Kampf, und Pylades' Geistesgegenwart, als auch dieser in Waffen erscheint, gewinnt offenbar des Königs Sinn, dass er dem Arkas, trotzdem dieser den Sieg als sicher verkünden kann, Waffenstillstand zu ge- bieten aufträgt. Als Orestes die Wahrheit seiner Behauptung, dass er Iphigeniens Bruder sei, mit dem Schwert zu erweisen sich erbietet, lehnt anfangs Thoas es ab, ihm einen Kämpfer zu'stellen. Als jener bei seinem Vorschlag beharrt und für das Schicksal aller Fremden kämpfen zu wollen erklärt, erkennt der König in ihm edlen Sinn und ist bereit selbst mit ihm der Waffen Los zu wagen. Das muss Iphigenie verhindern; keinen von beiden darf sie verlieren. Sie kann dem König die Versicherung geben, dass sie durch die untrüglichsten Zeichen sich überzeugt hat, der Fremde muss ihr Bruder sein. Und als der König trotz alle- dem auf Kampf beharrt, weil ja die Fremden das Götterbild rauben wollen, da findet Orestes, dass das sie nicht zu entzweien braucht. Wie so oft, hatten auch diesmal die Menschen des Gottes Spruch bisher falsch gedeutet.

Bringst du die Schwester, die an Tauris' Ufer

Im Heiligtume wider Willen bleibt, Nach Griechenland, so löset sich der Fluch.

So lautet das Orakel. Nicht Apollos Schwester, die Schwester des Orestes ist gemeint. Die Taurier sollen ihr Götterbild behalten. Iphigenie wurde von der Göttin nach dem Taurier- land entführt als Schützerin des Hauses; zum Segen ihres Bruders und der Ihrigen wurde sie in einer heiligen Stille bewahrt. In ihren Armen hat Orestes Heilung gefunden, sie wird die Weihe des väterlichen Hauses nun vollbringen. Noch einmal von Iphigenie an sein Wort. gemahnt, will sie Thoas mit einem widerwilligen:So geht entlassen. So kann die Priesterin nicht von ihm scheiden. Freundlich muss ihr Abschied sein, Gastrecht walten zwischen beiden Ländern. Der Geringste des Tauriervolkes wird ihr willkommen sein, hoch geehrt soll er werden, von Thoas und seinem Geschick ihr erzählen. Der König muss ihr die Rechte reichen,

sein wehmütig herzliches Lebewohl ihr versichern, dass sie wirklich versöhnt von einander scheiden.