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der Rettung; darf sie hinderlich sein? Hat nicht Pylades Recht, wenn er ein Zeichen Apollos in Orests Befreiung vom Wahnsinn erblickt, das dazu auffordert, nun rasch auch das übrige zu vollbringen? Welche Segensthätigkeit malt sich vor ihrer Seele, wenn Pylades sagt:
Orest ist frei, geheilt!— Mit dem Befreiten
O fuhret uns hinüuber, günst'ge Winde,
Zur Felseninsel, die der Gott bewohnt,
Dann nach Mycen', dass es lebendig werde,
Dass von der Asche des verloschnen Herdes
Die Vatergötter fröhlich sich erheben
Und schönes Feuer ihre Wohnungen
Umleuchte! Deine Hand soll ihnen Weihrauch
Zuerst aus goldnen Schalen streuen. Du
Bringst über jene Schwelle Heil und Leben wieder,
Entsuhnst den Fluch und schmückest neu die Deinen
Mit frischen Lebensbluten herrlich aus.
Zwar warnt sie die edle Sorge„den König, der ihr zweiter Vater ward, Nicht tückisch zu betrügen, zu berauben“; aber Pylades lehrt sie, dass„keiner in sich selbst noch mit den andern Sich rein und Unverworren halten kann“, er stellt ihr vor, dass es keinen anderen Weg zur Rettung gebe; die Not gebietet so zu hanaln, da entschliesst sie sich noch einmal zum Festhalten am Betrug. Aber wohin ist ihre Hoffnung, die sie so lange genährt,
Dereinst mit reiner Hand und reinem Herzen
Die schwer befleckte Wohnung zu entsühnen? Wird's ihr gelingen, ihren Glauben an der Götter Reinheit sich zu erhalten, wenn die-Not ihr ein Laster auflegen durfte? Unwillkürlich drängt sich ihr ein altes Lied in den Sinn, von dem Falle des Tantalus, den die Götter nur darum so hoch gehoben, um desto tiefer ihn fallen lassen zu können.
So knüpft der Dichter wieder ganz an das griechische Altertum an, nachdem er uns einen Seelenkampf gemalt, wie ihn der Grieche nicht kennt. Es kommt der Iphigenie des Euripides, wie wir sahen, nicht in den Sinn, ein Unrecht in der Hintergehung des Thoas zu erblicken; sie selbst ersinnt die List, durch die er bethört werden soll. Die Lüge ist ein er- laubtes Kampfmittol und gar dem Barbaren gegenüber ganz unbedenklich, so denken Euripides und seine Zeit.
Von Arkas gewarnt erscheint der König. Er gibt Befehl zu genauer Durchsuchung des Ufers, er macht sich Vorwürfe, dass er Iphigenie„zum Verrat Durch Nachsicht und durch Güte bildete“. Er lässt sie vor sich fordern. Sie verweist auf das, was sie Arkas gesagt. Sie versucht noch einmal auf seinen Entschluss zu wirken; sie will ihre Teilnahme für die Fremden aus ihrem eignen Schicksal erklären; sie hält ihm vor, es zieme dem edlen Manne, der Frauen Wort zu achten; sie warnt ihn sich nicht zu sicher zu fühlen; aber sie kann des inneren Kampfes nicht Herr werden. Noch einmal ist sie unwahr auf seine Fragen, wer die Fremdlinge seien.
„Sie sind— sie scheinen— für Griechen halt' ich sie“, das ist's, was sie im innern Seelenkampfe herausstösst, dann macht ihre Reinheit, ihre innere Wahrhaftigkeit, allen Ge- fahren zum Trotz, die sie heraufbeschwören könnte, sich geltend, und sie gesteht dem Könige die volle Wahrheit. Es ist ein kühnes Unternehmen. Aber wenn die Götter wahrhaft sind,


