Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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Seit meinen ersten Jahren hab' ich nichts Geliebt, wie ich dich lieben könnte, Schwester. Ja, schwinge deinen Stahl, verschone nicht, Zerreisse diesen Busen und eröffne

Den Strömen, die hier sieden, einen Weg.

Mit diesen Worten sinkt er ermattet nieder; Iphigenie sucht nach Pylades, um dessen Hilfe anzurufen.

Es war vergossenen Mutterblutes Stimme, welche den Armenzur Höll' hinab mit dumpfen Tönen rief; aber es ruft auchder reinen Schwester Segenswort Hilfreiche Götter vom Olymp herbei. Furchtbar ist der Anfall, dem Orestes erlegen ist, aber er führt diesen wieder zu geistiger Klarheit, wieder zu innerer Ruhe. Als Orestes erwacht, glaubt er sich in der Unterwelt, Vergessenheit schlürfend aus Lethes Wellen. Seinem inneren Blick erscheinen die Gestalten der Ahnen, die einst so feindlich sich bekämpften, nun friedlich gesellt; der Tod hat sie versöhnt. So darf auch Orestes Verzeihung hoffen. Er begrüsst sie alle, auch Vater und Mutter. Jetzt naht Iphigenie mit dem Freund. Nur Elektra fehlt noch; möchte auch sie bald erscheinen! Aber der Schwester Gebet, des Freundes verständiges Wort lösen ihn jetzt aus dem Bann; er erkennt, dass er noch lebt, er kann jetzt der Freude sich hingeben, dass sich die Geschwister gefunden. Er fühlt's im Herzen, dass der Fluch sich löst, er gewinnt neuen Lebensmut, er ist bereit mit Schwester und Freund den Weg zur Rettung aufzusuchen.

Pylades, der kluge, treue Freund,der Arm des Jünglings in der Schlacht, Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung, hat klugen Rat ersonnen gemeinsam mit den Ge- schwistern. Iphigenie ist ihre Rolle zugeteilt, wie sie den König täuschen soll. Sie muss sich wohl leiten lassen, so sehr ihr Herz sich sträubt. Unwahrhaftigkeit ist ihr verhasst.

Weh, O weh der Lüge! Sie befreiet nicht, Wie jedes andre, wahrgesprochne Wort, Die Brust; sie macht uns nicht getrost; sie üngstet Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, Ein losgedrückter Pfeil, von einem Gotte

Gewendet und versagend, sich zurück Und trifft den Schützen

Sie kann Arkas nicht ruhig ins Auge schauen, als dieser naht. Doch hält sie fest, was ihr aufgetragen ist. Sie erklärt, sie müsse der Göttin Standbild am Ufer entsühnen. Seinem Drängen hiermit zu warten, bis er ihre Absicht dem König gemeldet, kann sie nicht widerstehen. Seine Mahnung, sie solle jetzt noch des Königs Werbung folgen und so alles Verwirrende lösen, sein Hinweis auf den Segen, den sie wieder verbreiten könne, und endlich seine Hindeutung auf des Königs edles Verhalten gegen sie von ihrer Ankunft bis auf diesen Tag bringt sie zu tieferem Eingehen in sich selbst. Nur erfüllt von dem Gedanken, dass sie mit dem Bruder und dessen von ihr so hochgestelltem Freund die Heimat wieder sehen solle, hatte sie vergessen, dass sie auch Menschen hier verlasse. Jetzt wird ihr doppelt der Betrug verhasst, der an und für sich ihr schon so zuwider ist.

Noch einmal gelingt es Pylades, ihre Zweifel zu zerstreuen. Die nun sichere Rettung des Bruders aus der Furien Gewalt, da der Wahnsinn ausserhalb des Hains sich nicht erneuert hat, die Auffindung der Gefährten, die alles zur Abfahrt rüsten, zeigen die nahe Möglichkeit