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Als sie wiederkehrt nach längerer Zeit— Anfang des dritten Aufzugs— gibt sie dem Orestes, den sie jetzt trifft, sofort ihr volles Mitleid wie ihren Wunsch zu erkennen die Lands- leute zu retten. Orest soll ihr weiter verkünden, was sie von Pylades nur unvollständig ver- nommen. Von Orest und Elektra soll er ihr erzählen. So muss er die eigene furchtbare That ihr berichten, ehe sie weiss, dass er selber Orestes ist, muss er die Gewissensqualen ihr schil- dern, die seine Brust durchtoben. Sie fühlt, wie es seines eigenen Herzens Empfindungen sind, die der Fremdling malt.
Unseliger, du bist in gleichem Fall
Und fühlst, was er, der arme Fluchtling, leidet! so sagt sie zu ihm und gibt ihm dadurch Kenntnis von dem lügenhaften Gewebe, das Pylades ihr„zur Falle vor die Füsse geknüpft“. Das darf so nicht bleiben, zwischen ihnen muss Wahrheit sein. Er selbst ist Orest, der den Tod als Erretter ersehnt. Mag sie mit dem Freunde auf Rettung für sich und diesen sinnen. Orestes will da bleiben, seine Schuld zu büssen, durch sein vergossenes Blut dem Ufer der Barbaren Fluch zu bringen. Das furchtbare Bekenntnis hat ihn tief erregt; er entfernt sich, ehe Iphigenie sich ihm zu erkennen geben kann. Der Dichter verzichtet wieder auf eine wirksame Scene, um der Wahrheit getreu zu bleiben. Beide Geschwister bedürfen der Sammlung. Iphigeniens Freude, die sie jetzt zu dankbarem Gebet treibt, ist so reiner, als wenn sie zuerst dem Bruder sich offenbarte. Stür- mischer Jubel, jauchzende Begrüssung wäre schlecht am Platze nach dem, was sie eben ver- nommen. Und Orestes wäre schon körperlich nicht fähig jetzt die plötzliche Entdeckung zu ertragen.
Der Muttermörder möchte nicht in ihr Gebet mit eingeschlossen sein, so sagt er, als er zurückkehrt und sie beten sieht. Er ist nicht zu retten und bringt nur Verderben. In der Ferne hört er der Furien grässliches Gelächter. Iphigenie selbst mit ihrer Teilnahme, mit ihren Fragen nach der älteren, geopferten Schwester erscheint ihm wie eine Erinye, die nur stärker die quälende Erinnerung erneut; ihr Geständnis, sie sei Iphigenie, veranlasst ihn nur zu der Warnung sein Haupt nicht zu berühren, da sich von ihm Verderben zündend fort- pflanze; als Bacchantin erscheint ihm die Schwester, da sie ihn in die Arme schliessen möchte. Will sie einen Jüngling rettend lieben, so soll sie seinem Freunde, dem würdigeren Manne, ihr Gemüt zuwenden; und muss er endlich ihren Versicherungen glanben, dass Iphigenie von Diana gerettet, dass sie diese Iphigenie ist, dann mag das unselige Geschick ihres Hauses sich vollenden, dann mag er fallen von der Schwester Hand. Ihr mitleidvoller Blick erinnert ihn an den mitleidſlehenden der Mutter:
Du siehst mich mit Erbarmen an? Lass ab! Mit solchen Blicken suchte Klytämnestra
Sich einen Weg nach ihres Sohnes Herzen; Doch sein geschwungner Arm traf ihre Brust. Die Mutter fiel!— Tritt auf, unwill'ger Geist! Im Kreis geschlossen tretet an, ihr Furien, Und wohnet dem willkommnen Schauspiel bei, Dem letzten, grässlichsten, das ihr bereitet! Nicht Hass und Rache schärfen ihren Dolch! Die liebevolle Schwester wird zur That Gezwungen.— Weine nicht! Du hast nicht Schuld.


