Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter Der Mund der Dichter es vermehrend wälzt.

Er glaubt nicht, dass die Götter der Väter Missethat an dem Sohne rächen.

Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt Sich seinen Lohn mit seiner That hinweg. Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.

Bringt Orestes der Göttin Bild nach Griechenland, so werden Apollo und Diana ihm gnädig sein. Befinden er und Orestes sich jetzt auch gezwungen an der Pforte von Dianas Tempel, der Götter Wille hat sie hierher geführt, er wird weiter helfen. Er hat Orestes das schwere Werk als Busse auferlegt. Quält dieser nur nicht sich selbst, überlässt er dem Freunde die Erfindung klugen Rats, um ihm dann zu kühner That kraftig beizustehen, so wird wohl noch das Werk der Rettung gelingen. Wie Pylades von den Wäͤchtern erfahren, hält ein fremdes göttergleiches Weib jenes blutige Gesetz gefesselt. Ein reines Herz und Weihrauch und Gebet bringt sie den Göttern dar. Droht auch des Königs wilder Sinn ihnen den Tod, Pylades verlässt sich auf des Weibes Wesen; sie bleibt stet auf einem Sinn, den sie gefasst. Jetzt naht die Priesterin, Orest muss sich entfernen, damit Pylades in seinem Plan sie zu gewinnen nicht gestört wird.

Auf die Möglichkeit den edlen Wettstreit der Freunde darin zu zeigen, dass jeder für den andern gern sterben möchte, hat unser Dichter verzichtet; mit um so feineren Strichen malt er uns die Freundschaft, wenn einer nur im andern und für den andern lebt. Und wie schildert er uns die Freunde, als gleich gestimmte Seelen von verschiedener Art, die um so fester zu einander halten, je mehr einer den anderen ergänzt.Ich schätze den, der tapfer ist und grad, das ist Orests Wahlspruch.Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann Zu schänden, der sich kühnen Thaten weiht, so denkt Pylades. Sein Vorbild ist Odysseus, während dem Orestes wohl des Herkules Bild vorschwebt, wenn er sagt:

Grosse Thaten? Ja, Ich weiss die Zeit, da wir sie vor uns sahen, Wenn wir zusammen oft dem Wilde nach Durch Berg' und Thäler rannten und dereinst, An Brust und Faust dem hohen Ahnherrn gleich,

Mit Keul' und Schwert dem Ungeheuer so, Dem Räuber auf der Spur zu jagen hofften.

An Iphigenie versucht sich Pylades mit List und Klugheit. Sein Lob der Heimat, sein Anteil an ihrem Geschick sollen sie gewinnen. Hierüber ist die Priesterin erhaben; nach der Gefangenen Schicksal erkundigt sie sich teilnehmend. Eine klug ersonnene Erzählung gibt im ganzen die Lage richtig an, in der sie sich als mit schwerer Blutschuld Belastete be- finden, wenn auch alle Einzelheiten falsch sind. Auch des Orestes Geistesstimmung erscheint Iphigenien hierdurch im richtigen Lichte. Auf ihre Fragen muss ihr dann Pylades von Trojas Fall Kunde geben, von dem Geschick der Griechenhelden, von ihres Vaters schrecklicher Er- mordung, von dem Widerwillen, den Klytämnestra einst gegen den Gatten gefasst, als ihre Tochter Iphigenie unter dem Vorwande Achills Braut zu werden nach Aulis gelockt wurde, um dort am Altare Dianas zu bluten. Tief erschüttert verhüllt sich die Priesterin und ent- fernt sich, um erst in der Stille sich zu sammeln von all dem Schrecklichen, was sie erfahren.