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Verkörperung der Gewissensqualen in ihnen, wenn wir in Orests Bericht über die Ermordung Klytämnestras durch den Sohn von ihnen vernehmen:
Wie gührend stieg aus der Erschlagnen Blut Der Mutter Geist
Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu:
Lasst nicht den Muttermörder entfliehn! Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht! Sie horchen auf; es schaut ihr hohler Blick Mit der Begier des Adlers um sich her.
Sie rühren sich in ihren schwarzen Höhlen, Und aus den Winkeln schleichen ihre Gefährten, Der Zweifel und die Reue, leis' herbei.
Vor ihnen steigt ein Dampf vom Acheron;
In seinen Wolkenkreisen wälzet sich
Die ewige Betrachtung des Geschehnen Verwirrend um des Schuld'gen Haupt umher. Und sie, berechtigt zum Verderben, treten
Der gottbesäten Erde schönen Boden,
Von dem ein alter Fluch sie lüngst verbannte. Den Fluchtigen verfolgt ihr schneller Fuss; Sie geben nur, um neu zu schrecken, Rast.
Wie das Blut, das von Orestes' Tritten herniederträufelnd seinen Pfad bezeichnet, sind auch die Unterirdischen, die nach diesem Blut wie losgelassene Hunde spürend hetzen, nur Bilder der furchtbaren Gedanken, die seine Seele durchwühlen, um nur auf Augenblicke zu ruhen und dann mit neuer Kraft sich geltend zu machen. Bei Euripides hält der heilige Hain die Furien fern, hier wird vor unseren Augen Orestes von dem letzten furchtbaren Wahnsinnskrampf überfallen.
Gefesselt erscheinen Orestes und Pylades, aber ohne begleitende Wache. Ein Ent- rinnen ist nicht möglich, das hindern die sonstigen Einrichtungen, hohe Umfassungsmauern des Vorhofes und Besetzung der Eingänge, sonst würde wohl der ungebrochene Mut des Py- lades, der den Freund aufzurichten bemüht ist, die Möglichkeit der Flucht zunächst in Betracht ziehen. So sagt er nur, dass er die Hoffnung nicht aufgebe, dass er bis zum letzten Augenblick auf Rettung sinnen werde, und verweist den Freund auf das Wort Apollos, der Orestes ver- heissen, im Heiligtum der Schwester sei Trost und Hilf' und Rückkehr ihm bereitet. Da diesen jede Erinnerung auf seine furchtbare That zurückzuführen droht, möchte Pylades ihn hiervon ablenken. Dass der Freund nicht als Kind mit dem Vater ermordet wurde, ist ein Beweis, dass derselbe noch zu grossen Thaten ausersehen ist. Ohne den Orestes wäre des Pylades eigenes Leben ohne Inhalt. Mag auch dagegen jener dem andern die grössere Be- deutung für die frohe Gestaltung seiner Jugendtage beimessen, mag er von sich behaupten, er habe dem Freunde nur Unheil gebracht, mag er grosse Thaten nur als Jugendträume an- sehen, mag er sich als Opfer des Hasses der Göttin gegen das Haus des Tantalus bezeichnen, Pylades weiss stets ein tröstendes Wort zu sagen: wie sein Leben eigentlich erst mit der Liebe zu Orestes begann, wie Mut und Lust, die Fittige zu grossen Thaten, in ihm, trotz des angeblich vergiftenden Hauches aus Orestes Munde, noch lebendig sind, wie die eignen Thaten leicht uns klein erscheinen, wenn wir sie mit dem vergleichen, was die Sage berichtet,


