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entsprungen sein, sagt er, indem er sie auffordert fortzufahren. Sie erzählt von ihrem Vater, in dem sie von ihrer ersten Zeit an ein Muster des vollkommnen Mannes gesehn, von ihrer Mutter, ihren Geschwistern, vom Auszug der Helden zum trojanischen Krieg, von ihrer Opferung in Aulis und ihrer Rettung durch die Göttin zum taurischen Gestade. Der König erklärt, dass sie ihm durch ihren Bericht keine andere geworden, er wiederholt seinen Antrag. Sie kann nicht die Seine werden. All ihre Hoffnungen, all ihre Wünsche gehen nach der Heimat; ihr Herz sagt ihr, dass es ihre höchste, von der Göttin gewollte Aufgabe ist, dort Segen zu verbreiten; sie fleht den König an selbst sie in die Heimat zu entsenden; sie lässt auch durch seinen Wunsch sich nicht irre machen; sie stellt ihm vor, dass es sein eigenes Glück sei, wenn sie nicht die Seine werde, da doch nie ein näher Band ihre Herzen zum Glück vereinen könne; sie bleibt mit ihren Gründen Siegerin, gibt aber eben dadurch dem König um so mehr Veranlassung zum Zorn, zur Rache, die gerade für sie neue, besondere Verwickelungen herbei- führen soll. So erklärt denn Thoas, dass er den alten Gebrauch der Opferung der Fremden wiederherstelle, den er um ihretwillen so lange habe ruhen lassen. Und sofort sollen ihr zwei Fremdlinge als Opfer vorgeführt werden, die man eben in des Ufers Höhlen versteckt gefunden. Thoas sendet sie; die Priesterin weiss den Dienst.
So stehen denn Orestes und Pylades in ganz anderer Weise vor dem ihnen drohenden Geschick als bei Euripides. Das erste rechte, langentbehrte Opfer der Göttin sollen sie werden durch den Zorn des Königs; die erste blutige That soll Iphigenie begehen, die bis jetzt jedes Menschenopfer verhütet hat. Wie sie dem Könige entgegnete, der missverstehe die Himm- lischen, der sie blutgierig wähne, er dichte ihnen nur die eigenen grausamen Begierden an,— wir fanden denselben Gedanken bei Euripides, wenn auch in ganz anderer Verbindung— so verliert sie auch jetzt diesen Glauben nicht; und inbrünstig fleht sie zu der Göttin, die sie vom Opfertode gerettet hat, ihre Hände rein zu halten vom Blut. Lieben doch die Götter das Menschengeschlecht und wollen ihm gerne
Ihres eigenen ewigen Himmels Mitgeniessendes fröhliches Anschaun Eine Weile gönnen und lassen.
Auch Göthes Orestes und sein Pylades sind weit eingehender ausgeführte und ent- sprechend den sittlichen Auffassungen unserer Zeit umgebildete Gestalten. Schon ihr erstes Auftreten ist ein anderes als bei Euripides. Sie erscheinen gleich als Gefangene, nicht um die Gelegenheit zum Raube des Götterbildes auszukundschaften. Wenn bei dem griechischen Dichter allenfalls die bei Orestes in dieser Scene einmal zu Tage tretende Mutlosigkeit:
Drum, eh' wir sterben, lass zurück uns fliehn, das Schiff Aufsuchend, dessen Segel uns hierher gebracht!—
wenn diese Mutlosigkeit eine Andeutung des ihn umnachtenden Wahnsinns enthalten könnte, von dem aber sonst an ihm selbst nichts zu merken ist, von dem wir vielmehr erst aus dem Berichte des Hirten erfahren, so tritt hier die tiefgedrückte Stimmung, die den Tod als eine Wohlthat betrachten muss, sofort hervor. Die Vorstellung der Furien als schrecklicher Aus- geburten der Unterwelt fehlt auch hier nicht. Aber sie treten nicht so in die Erscheinung wie bei Euripides. Ihr Wirken auf das Innere des von ihnen Gequälten wird uns vorgeführt. Wir hören nicht von Spukgestalten, an die wir nicht glauben können, wir erblicken nur eine


