Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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wenn von einem solchen hier die Rede sein könnte; er übersieht klar die Verhältnisse, er gibt seinem Urteil verständigen und wohlwollenden Ausdruck. Unser Dichter bedurfte eines solchen Vermittlers zwischen Iphigenie und Thoas, die beide in viel eigenartigerer Charakterentwicke- lung und viel engeren Beziehungen zu einander uns vorgeführt werden, als es der griechische Dichter für nötig hielt. Nur einzelne grosse Züge, nur wenige gegenseitige Beziehungen treten dort hervor. Der Dramatiker der Neuzeit hat die Aufgabe bestimmtere, greifbarere Gestalten seinen Zuschauern vor die Augen zu stellen. Wir erfahren darum weit mehr von Thoas' Ge- schick, und seine Beziehungen zu Iphigenie sind engere, von wesentlicher Bedeutung für die Entwickelung der Handlung. Das Schwert der Feinde hat ihm den letzten, besten Sohn von der Seite gerissen. Jetzt hat er das Gefühl der Rache befriedigt, das ihn seitdem ganz er- füllte, und nun empfindet er, wie nie bisher, die Ode seiner Wohnung. Auch begegnet er gar manchem sorgen- und unmutsvollen Blick, da jeder sinnt, was künftig werden wird, und nur gezwungen, nicht mehr mit fröhlichem Gehorsam, dem Kinderlosen dient. Schon lange trägt er den Wunsch im Busen Iphigenie als Braut in sein Haus zu führen; er spricht ihr jetzt denselben ohne viele Umschweife aus. Auf ihre Entgegnung, der Unbekannten biete er zu viel, beklagt er, dass sie bis jetzt ihm so wenig Vertrauen erwiesen, zu dem schon die Dank- barkeit dem Wirte gegenüber sie hätte veranlassen sollen. Ihren Einwurf: wenn er wüsste, wer vor ihm stehe, welch verwünschtes Haupt er nähre und schütze, würde Entsetzen ihn fassen, würde er sie vielleicht vor der Zeit, ehe ihr die Rückkehr zu den Ihren zugedacht sei, hinausstossen ins Elend, diesen Einwurf lässt er nicht gelten. Sie kann kein schuldvoll Haupt sein, da von ihr so viel Segen ihm selbst geworden. Von der Göttin ist sie seinen Händen übergeben. Er hat sie geschützt, wie es die Göttin gethan. Was sie gebietet, soll auch ferner geschehen. Kann Iphigenie Rückkehr nach Hause hoffen, so wird er keine weitere Forderung an sie stellen. Ist der Weg auf ewig ihr versperrt, ist ihr Stamm vertrieben oder durch ein ungeheures Unheil ausgelöscht, dann hat er Anspruch auf sie als ihr Retter, ihr König und hoffentlich ihr Gatte.

Iphigenie kann nun nicht länger über ihre Abkunft schweigen, und sie verkündet dem König ausführlich die Greuel des Geschlechtes, aus dem sie stammt. Von Tantalus hat auch der Taurier vernommen. Von seinem Geschlecht muss Iphigenie berichten, das in verblendeter Wut alle Laster auf sich häufte.

Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel Gewisses Erbteil; doch es schmiedete

Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.

Rat, Mässigung und Weisheit und Geduld Verbarg er ihrem scheuen, düstern Blick; Zur Wut ward ihnen jegliche Begier,

Und grenzenlos drang ihre Wut umher.

Und nun berichtet sie von Pelops, wie er durch Verrat das Weib gewann, von Atreus' und Thyestes' Mord an ihrem Bruder, von Hippodamiens Selbstentleibung, von den furchtbaren Thaten der Brüder Atreus und Thyestes gegeneinander, so furchtbar, dass der Sonnengott, als sie geschahen, sich schaudernd abwandte, wie Thoas bei der Erzählung sein Gesicht schaudernd wendet. Aber ihre Absicht den König abzuschrecken von seinem Wunsche, sie als Gattin heimzuführen, erreicht Iphigenie nicht. Durch ein Wunder muss sie von diesem wilden Stamme

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