Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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Flehen, in Aulis an ihr vollzog! Dass freilich die Göttin Freude hat an dem Mord der Fremden, kann sie nicht glauben; der Mensch überträgt nur gern die eigenen Eigenschaften auf die Götter, und nur der Taurier grausamer Sinn hat den furchtbaren Brauch geschaffen.

Die Fremden werden der Priesterin vorgeführt, in deren Herzen doch das Mitleid sich regt. Sie fragt nach der Abkunft und der Heimat der Unglücklichen. Sie lässt sich den Fall Trojas, den sie schon vernahm, die Heimkehr der ihr verhassten Helena bestätigen. Mit Freuden vernimmt sie, dass der Seher Kalchas tot ist, er, dessen Wort ihren Vater bestimmt sie nach Aulis zu rufen; dass Odysseus noch fern von der Heimat alle Leiden der Fremde kostet; ohne Kummer erfährt sie, dass Achilles starb. Orestes selbst, der ihr dies alles be- richtet, muss auch Agamemnons grauses Geschick ihr kund thun, und wie die Mutter von Sohneshand fiel. Sie hört, dass Elektra noch lebt, dass Oresteslebt, doch elend, irrend fern und nah; sie erkennt, dass ihr Traum nur hohl, nur eine Täuschung war.

Mycenà hat Orestes als seine Heimat angegeben, ohne seinen Namen nennen zu wollen. Das bestimmt die Priesterin ihm eine Bitte auszusprechen. Er soll ihr einen Brief, den ein Grieche, ehe er von ihr zum Opfertod geweiht wurde, auf ihre Bitten ihr geschrieben, nach Mycenä an ihre Angehörigen bringen und zum Lohn dafür gerettet sein, während freilich sein Freund am Altare bluten muss. Orestes aber verlangt, Pylades, der nur um seinetwillen die Fahrt unternommen, müsse den Brief überbringen; und Iphigenie, die voller Bewunderung ist für solche Freundschaft, kann dem nicht widersprechen. Als er seinem Bedauern Ausdruck gibt, dass seiner Schwester Hand ihn nicht bestatten werde, verspricht ihm die Priesterin die Totengruft ihm zu schmücken, die Asche seines Leibes mit 61 zu löschen, Honig auf den Holz- stoss zu giessen, dessen Feuer seinen Körper verzehren soll, und entfernt sich dann, um den Brief zu holen. Nachdem der Chor die Fremdlinge beklagt, auch den Pylades, auf dessen Einwurf hin, dass ihn der Tod des Freundes traurig stimmen müsse, versucht dieser den Freund zu bestimmen ihn mit sich sterben zu lassen, schon damit ihn der Vorwurf nicht treffen könne, er habe den Orestes seinem Schicksal preisgegeben oder wohl gar selbst ermordet, um als Elektras Gatte dann auch über Agamemnons Reich in Argos zu herrschen. Orestes erwidert ihm, dass sein Leid schon schwer genug sei; es dürfe nicht noch durch des Freundes Tod verdoppelt werden. Vielmehr muss dieser auch darum gerettet sein, um das Haus des Orestes zu erhalten als Elektras Gemahl und Herrscher auf Agamemnons Thron, um ein Grabmal in der Heimat dem Freunde zu errichten, den Apollos Wort, der seines Seherspruches sich ge- schämt, so zum Verderben in die Fremde getrieben hat. Pylades verspricht zu thun, was von ihm verlangt wird; er selbst aber kann die Hoffnung auf Rettung noch nicht aufgeben, obwohl jetzt die Priesterin wieder erscheint, den Auftrag gebend zu den letzten Vorbereitungen, welche zur Opferung nötig sind. Sie bringt das Schreiben. Pylades soll ihr schwören dasselbe unter allen Umständen an den Ort seiner Bestimmung zu bringen, wogegen sie schwören will ihm sichere Rettung zu gewähren. Nur für den Fall, dass der Brief bei einem Schiffbruch ver- loren geht, will Pylades seines Schwures ledig sein. Das bringt die Priesterin auf den Ge- danken ihm den Inhalt des Briefes mitzuteilen. Die Fremden erfahren, dass sie Iphigenie ist, Orestes' Schwester, die sie tot geglaubt; kaum beherrscht sich Orestes, bis jene zu Ende ge- redet, dann presst er sie, als ihm Pylades den Brief in sofortiger Ausführung seines Auftrags übergibt, ans stürmisch klopfende Herz,wonnetrunken jauchzend ob der Wundermähr.

Iphigenie kann es nicht fassen, dass dies der Bruder sei. Erst nachdem er ihr deut-