Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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liche Beweise gegeben, dass er kein anderer sein kann, indem er von Dingen aus dem Vater- haus berichtet, die nur der Nahverwandte wissen konnte, da gibt auch sie ganz der Freude sich hin. Schöne Bilder der Jugendzeit führt ihnen die Erinnerung an das Elternhaus wieder herauf, harten Geschickes auch müssen sie gedenken, das sie beide traf und das noch furcht- barer zu werden drohte, wenn die Schwester den Bruder hätte morden müssen. Jetzt gilt's, zu sinnen, wie Orestes gerettet werden kann, und da die Geschwister noch immer sich um- schlungen halten, so mahnt Pylades zu rascher UÜberlegung, so lange das Schicksal günstig scheint. Nachdem Iphigenie noch vernommen, dass Elektra dem Pylades verlobt, dass dieser ihres Oheims Strophios Sohn ist, des Bruders treuer Gefährte in Freud' und Leid, lässt sie vom Bruder sich berichten, wie diesen seit der Mutter Ermordung die Furien verfolgen, wie die Entscheidung des athenischen Areopags nur einen Teil derselben befriedigte, wie eine neue Weisung Apollos der ihnen zuerst den Mord der Mutter anbefohlen, dann ihn vor den Ge- richtshof zu Athen gestellt jetzt ihn hierher geführt habe, damit er das Hinmnelsbild der Artemis weghole auf Athens Gebiet, um dann endlich befreit zu sein von dem Wahnsinn, der seinen Geist stets aufs neue erfasst, sobald ihm die schrecklichen Rachegöttinnen nahen. Jetzt soll die Schwester ihm behilflich sein zum Raub des Bildes und mit ihm fliehen nach der Heimat, ein Schutz des Vaterhauses und sein Schutz zugleich.

Längst schon sehnt sich Iphigenie nach dem schönen Griechenland, gern möchte sie mit dem Bruder entfliehen; doch vielleicht entkommt dieser sicherer, wenn sie zurückbleibt, mag dann auch unausweichliches Verderben ihr bereitet sein. Aber der Bruder will nicht auch ihr Mörder sein; entweder gehen sie beide hier unter, oder sie entkommen vereint. Die Göttin kann nicht zürnen, da ja ihr Bruder Apollo den Raub des Bildes geboten und den Orestes nach Taurien geführt hat; des Gottes Geheiss gibt auch neuer Hoffnung Nahrung. Die von Orestes vorgeschlagene Ermordung des Königs Thoas kann Iphigenie nicht gutheissen; das hiesse das Gastrecht verletzen, das sie bis jetzt genossen hat. Aber den König zu täuschen, ersinnt sie eine List, wobei sie geschickt Wahrheit mit Dichtung vermischt. Durch die Blut- schuld der Gefangenen, will sie dem Könige sagen, sei der Tempel entweiht, das Bild der Artemis befleckt. Es müsse erst im Meereswasser, das alles entsühne, gereinigt werden; auch die Gefangenen bedürften dieser Reinigung. Sind sie so ohne Begleitung in die Nähe des Schiffes gekommen, dann wird die Flucht ihnen möglich sein. Die Dienerinnen versprechen Verschwiegenheit. Auch ihnen wird die Heimkehr demnächst bereitet sein, falls es der Herrin gelingt, mit dem Bruder zu entkommen. Und so fleht denn die Priesterin zu ihrer Göttin, dass sie ihr Thun segnen, dass sie huldvoll aus dem fremden, wilden Reich zur Burg Athen wandern wolle..

In herzlichem, tief zur Seele sprechendem Lied gibt der Chor seiner Sehnsucht nach der Heimat Ausdruck, gedenkt er des schönen Landes, aus dem die Griechinnen geraubt sind, um hier das Joch der Sklaverei zu tragen. Iphigenie wird jetzt das Vaterland wieder schauen; trügen doch Flügel auch sie, ihre Dienerinnen, über Land und Meer! Wie wollten sie jubeln im Reigentanz!

Thoas erscheint, um zu fragen, ob das Opfer gebracht ist. Eben trägt Iphigenie das Holzbild der Göttin aus dem Tempel fort. Sie gebietet dem König fern von ihr stehen zu bleiben, sie erklärt ihm ihr Verhalten. Das Standbild der Göttin hat sich auf seinem Sitz gedreht, die Augenlider schloss es zu; das liess die Priesterin erkennen, dass Furchtbares