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von Mycenä in Trümmer sinken; nur eine Säule blieb stehen; ihr Knauf nahm Menschenantlitz an und sprach mit Menschenlaut. Sie besprengte die Säule als Priesterin mit geweihtem Wasser. Das kann nur bedeuten, dass ihr Bruder Orestes gestorben; denn wen ihre Hände weihten, der ist dem Tode verfallen. Ein Totenopfer will sie ihm darum bringen; ihre Die- nerinnen, in die Fremde verkaufte Griechinnen, die ihr der Taurerkönig geschenkt, sollen ihr dabei behilflich sein. Sie entfernt sich, dieselben zu holen. Unter dem feierlichen Gesang des von diesen gebildeten Chors giesst sie dann Wein und Milch und Honig zur Totenspende auf den Boden, mit dem Chor bejammert sie das traurige Geschick, das ihr Haus traf.
Inzwischen sind Orestes und Pylades vor dem Tempel gewesen, um die Gelegenheit auszukundschaften und zu sehen, wie sie am besten das einst vom Himmel gefallene Bild der Göttin rauben können. Bringen sie dies nach Athen, dann soll Orest, so hat ihm Apollo ver- heissen, befreit sein von der Verfolgung der Furien, die ihm keine Ruhe lassen, seitdem er, um den Vater zu rächen, der Weisung des delphischen Orakels selbst folgend, die Mutter er- mordet. Zwar hat Apollo ihm in Athen eine Entscheidung des Areopags erwirkt, vor dem seine Sache mit den Erinyen verhandelt wurde. Athene selbst hat, da die Stimmen der Richter gleich waren, noch einen freisprechenden, weissen Stein in die Urne gelegt, so dass die Mehr- heit nun den hart Verklagten losgab. Aber nur ein Teil der Rachegöttinnen hat sich bei diesem Spruch beruhigt, die übrigen verfolgen ihn weiter. Und jetzt eben, nachdem die beiden Helden sich zum Ufer begeben, um dort sich zu verstecken, bis der Abend ihnen die Möglich- keit geben wird das Artemisbild zu rauben, hat ein neuer Wahnsinnsanfall, wie ihn die Furien senden, den Unglücklichen erfasst; so erfahren wir von einem Hirten, welcher der Priesterin die Kunde bringt, dass zwei Jünglinge gefangen sind, die ein neues wohlgefälliges Opfer auf dem Herde der Artemis werden sollen. Mit breiter Anschaulichkeit, wie die griechischen Dichter gern sie die Boten üben lassen, schildert der Taurier, wie er und seine Genossen die Fremden zuerst bemerkt und für Götter gehalten, wie dann der eine unter wilden Geberden, laut stöhnend und schreiend, im Wahn, die schlangenumzüngelten Erinyen nahten sich, die eine, seine Mutter auf dem Arme tragend und ein Felsstück nach ihm schleudernd, das Schwert gezogen habe und unter ihre Rinder gestürzt sei, sie mordend, da er in ihnen offenbar die ihn bedrohenden Furien gesehen; wie die Hirten sich sammeln, wie der Rasende endlich ermattet zu Boden stürzt, wie sein Freund, Pylades von ihm angeredet, sich seiner annimmt und ihn gegen die nun beginnenden Angriffe schützt, wie der Kranke sich erholt und wie erst nach hartem Kampfe es den Tauriern gelingt, der beiden Herr zu werden. Schon hat der König die Opferung der Gefangenen gutgeheissen. Die Priesterin soll zu den Göttern flehen, dass solche Griechenopfer ihr nie fehlen, damit sie immer neue Rache üben kann für den Mord, den man an ihr in der Bucht von Aulis einst begangen.
So schweren Herzens sonst Iphigenie ihr blutiges Amt übte, so manche Thräne den Landsleuten floss, die sie zum Opfer weihte, jetzt verhärtet sich ihr Herz, denn das Unglück macht hart. Und was konnte sie Schwereres treffen als die durch den Traum ihr gewordene Gewissheit, dass ihr Bruder nicht mehr ist! Hat sie doch nicht einmal von ihm und der Schwester Elektra rechten Abschied genommen, da sie, unter dem Vorwand, sie solle mit Achilles verlobt werden, nach Aulis berufen, baldigster Rückkehr gewiss war. Hätten ihr doch die Götter Helena und Menelaos nach Taurien geschickt, dass sie, diese schlachtend, Rache nehmen konnte für die Schlachtung, die der eigene Vater, ungerührt von ihrem kindlichen


