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kannt gemacht, und Schriftsteller jeder Art, besonders aber unsere grössten Dichter haben in unsere Zeit, in unsere höhere sittliche Bildung übertragen, was für uns auf dem geistigen Gebiete von besonderem Werte war.
Die Gestalt des Menschen war schon vor Jahrtausenden so vollkommen entwickelt, wie sie heutzutage ist. In dem schönen Griechenland hatte die liebevolle Natur im Verein mit einer verständigen körperlichen Erziehung die höchste Körperschönheit zu voller Ausbildung kommen lassen, und eine ihren höchsten Aufgaben sich gewachsen fühlende Kunst hat in ihren Bildwerken diese Körper in einer Vollendung darzustellen gewusst, dass die Schöpfungen der besten Zeit griechischer Bildhauerkunst auch heute noch unerreichte Muster der Nachah- mung für uns sind. Aber der Geist des Menschen, freier, eigener Entwickelung fähig und diese zu üben bestimmt, ist in den mehr als zwei Jahrtausenden, die zwischen der Blütezeit griechischer Dichtkunst und unseren Tagen liegen, fortgeschritten, und auf dem geistigen Ge- biete steht darum unsere Kunst so hoch über der griechischen, wie der christlich-deutsche sittliche Sinn edler ist als der hellenische. Lässt uns daher die Ubersetzung eines griechischen Dichters erkennen, wie das Volk in seinen besten Vertretern im fünften Jahrhundert vor Christi Geburt in Griechenland gedacht, so sehen wir in einer Bearbeitung eines griechischen Stoffes, die wirklich für unsere Zeit geschaffen ist, wie ein Grieche denken müsste, der des Segens der Entwickelung teilhaftig geworden wäre, welchen Christentum und Deutschtum bis zum Schluss des 18. Jahrhunderts zu üben imstande gewesen sind. Mit Erstaunen und Be- wunderung können wir dabei gewahr werden, wie viel edel Menschliches schon in den An- schauungen jener Zeit vorhanden war; mit Befriedigung können wir aber auch erkennen, wie die Welt inzwischen fortgeschritten ist, und darum mit der festen Hoffnung in die Zukunft blicken, dass trotz alles Rückgangs im einzelnen, welchen einzelne Zeiten, einzelne Geschlechter, ganze Jahrhunderte, ganze Völker aufweisen, doch die Veredelung des Menschengeschlechts unaufhaltsam ihren Fortgang nimmt; und so kann jeder einzelne überzeugt sein, dass seine Thaätigkeit, wenn auch noch so verschwindend gering, doch nicht verloren ist, soweit sie diesem Zwecke zu dienen gewillt war.
Das eine der beiden Dramen, die wir gelesen haben, des Euripides Iphigenie auf Tauris, hat uns in den Geist des griechischen Altertums eingeführt, das andere, die Iphigenie von Göthe, hat uns gezeigt, wie ein vom griechischen Altertum getränkter christlich deutscher Geist denken, wollen und handeln muss. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal den Inhalt der beiden Stücke!
Iphigenie, die Tochter des Atriden Agamemnon, des Führers der Griechenscharen, die mit mehr als tausend Schiffen nach Troja zu segeln bereit im Hafen von Aulis durch widrige Winde zurückgehalten waren, hatte der Artemis, durch deren Zorn dies herbeigeführt war, geopfert werden sollen. Der unglückliche Vater, das Griechenvolk, welches seinen Fürsten zur Opferung gedrängt, glaubten diese vollzogen; aber die Göttin hatte im Augenblick, da das Opfermesser geschwungen wurde, eine Hindin an der zu Opfernden Stelle gelegt und diese selbst durch die Lüfte davon getragen nach der Insel der Taurier, wo ihr Iphigenie als oberste Priesterin in ihrem Heiligtum dienen und den wilden Opferbrauch jener Barbaren üben muss, dass jeder Grieche, der das Land betritt, am Altare geschlachtet wird, nachdem ihn die Priesterin selbst hierzu geweiht. Dies alles hören wir von Iphigenie in dem Prolog, mit welchem sie vor die Zuschauer tritt. Jetzt hat sie ein Traumgesicht erschreckt. Sie sah das Königshaus


