Aufsatz 
Über Euripides'Iphigenie unter den Tauriern und Goethes Iphigenie auf Tauris
Entstehung
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Über Euripides' Iphigenie unter auriern

und

Göthes Iphigenie auf Tauris.)

Vom Direktor: Dr. Wilhelm Wittich.

Ein wesentliches Stück unserer heutigen höheren Bildung beruht, das unterliegt keinem Zweifel, auf dem klassischen Altertum, und namentlich Griechenland hat einen bedeutenden Anteil an der Veredelung unserer Anschauungen. Von der Wiederbelebung der klassischen Studien, der neuen Beschäftigung mit dem Altertume an bis auf den heutigen Tag, im Ver- laufe von nunmehr etwa vier Jahrhunderten, sind reiche Schätze zu Tage gefördert worden, und manches Goldkorn kann noch gefunden werden, wenn aufs neue geschürft wird in der Tiefe. Wir sind den Männern, die so für das Beste ihres, unseres Volkes gesorgt und ferner sorgen, dankbar. Wir schätzen die Wissenschaften, die Künste hoch, welche die geistigen Erzeugnisse des Altertums uns nutzbar gemacht haben und nutzbar machen, und wir erwarten noch mancherlei von der Zukunft, von den Ausgrabungen im eigentlichsten Sinn, wie sie in neuster Zeit ein Curtius, ein Schliemann, ein Humann geübt, wie von den Ausgrabungen in geistigem Sinne, den Entdeckungen auf dem eigentlich wissenschaftlichen Boden, in den Schriften der Griechen und Römer, in ihrer Sprache.

Aber wir verlangen nicht von jedem Gebildeten, dass er selbst in den Schacht des Altertums hinabsteige, um dessen Schätze aufs neue oder neue Schätze zu fördern. Es ist so viel Gold vorhanden, dass wir uns damit genügen lassen können, es ist so viel davon um- geprägt und in Umlauf gesetzt, dass jeder den Segen desselben geniessen und es weiter geben kann. Bei aller Achtung vor dem griechischen und römischen Altertum verlangen wir nicht, dass der einzelne seine Kenntnis desselben durch das Lesen der griechischen und römischen Schriftsteller in der Ursprache erworben habe. Auch wer diese Sprache nicht kennt, kann sich in den Geist der alten Zeiten versetzen, dafür hat die Sprachkunde, dafür die Geschichts- wissenschaft gesorgt; sonst wäre ja die Frau des Segens ganz verlustig, den die Berührung mit der römischen und griechischen Vorwelt zu geben vermag, sonst müssten ja die Altphilo- logen die Höchstbegnadigten unseres Volkes sein. Vortreffliche Ubersetzungen, ausgezeichnete Geschichtsdarstellungen haben uns mit dem Geist und den Einrichtungen der alten Zeit be-

*) Wie im vorjährigen Jahresbericht veröffentliche ich auch diesmal einen vor Schülern der oberen Klassen unserer Anstalt und Angehoörigen derselben gehaltenen Vortrag, dem an je einem früheren Abend die Vorlesung der beiden Stücke voraufgegangen war.

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