Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Leser von selbst, denn der Unbefangene will nicht vom Wesen des antiken Chors ausgehen. Er begreift, wie unser Chor da leidenschaftlich handelt, wo er in die Handlung hineingerissen wird, wie er da verständig und edel urteilt, wo er durch seine Loslösung von der Handlung sich den klaren Blick bewahrt und seinem gesunden, unverdorbenen Sittlichkeitsgefühl infolgedessen Ausdruck geben kann. Werden die längeren Chorreden so an verschiedene Personen verteilt, wie Schiller es kür die Darstellung vorgeschrieben hat, lässt man nicht die langen Reden, sondern nur die zu wiederholenden Worte von der Gesamtheit sprechen, so entsteht nichts Unnatürliches auch für den realistischsten Standpunkt; denn zu dem ausgesprochenen Gedanken kann auch eine Menge durch wörtliche Wiederholung ihre Zustimmung erklären. Ist dies Sprechen im Chor gut vorbereitet, so übt es auch eine gewaltige Wirkung. Eine höhere Idee von der Bühne, wie sie Schiller als möglich, wenn auch nicht als wirklich sich vorstellte, kann sich auch mit dem Gedanken befreunden, dass die Masse, dass die Gesamtheit des Chors gleichzeitig gleicher Gedanken und gleiches Ausdrucks derselben fähig wäre. Und so mag in Zukunft einmal ein Zusammensprechen sämtlicher Mitglieder des Chors ebenso als ausführbar erscheinen, wie man es bei der griechischen Aufführung des König Odipus seiner Zeit hier als möglich ansah und bei der Aufführung billigte. Einstweilen haben die Worte Körners aus einem Brief an Schiller auch für unsere Zeit noch nicht ihre Richtigkeit verloren: Rechne hier nicht auf lärmenden Beifall der jetzt lebenden Menge, aber auf dauernden Ruhm bei ächten Kunstfreunden der künftigen Geschlechter.

Möchte die Zahl dieser Kunstfreunde immer mehr zunehmen, und möchten meine Worte bei euch, ihr Schüler, hierzu etwas beigetragen haben!

Nachtrag. Einige Fingerzeige über die benutzte Litteratur.

1. Gustau Wolfj, Sophokles' König Odipus, für den Schulgebrauch erklärt, Leipzig,

B. G. Teubner, 1870. Nach sorgfältiger Einzelerklärung weist der Verfasser in einem Rückblick, S. 134 u. 135, die Schuld des Odipus und der lIokaste in kurzen Zügen nach.

2. Karl Gödeke, Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung, Dresden, Ehlermann, 1862,

Bd. II, S. 993 996. Er findet den Schwerpunkt der Tragödie, deren innere Unmöglichkeit Schiller nicht bemerkt habe und die auch gegenwärtig bei Darstellungen kaum wahrgenommen werde, im Chor, dessen Anwendung eine Verirrung gewesen sei.

3. Dr. Joseph Hillebrand, Die deutsche Nationallitteratur seit dem Anfang des 18. Jahrh. u. s. w.,

Hamburg u. Gotha, Fr. u. A. Perthes, 1851, S. 433 443. Mangel an originaler Innerlichkeit in der Verwebung und Verbindung unverträglicher Dinge, in der seltsamen Mischung aller Religionen, Gegenden und nationalen Anschauungs- weisen; das Walten des fatalistischen Momentes; der verfehlte Versuch sich ganz auf den Standpunkt der antiken Tragödie zu setzen, eingegeben von einer Art anmasslichem Vertrauen auf seine Dichtermacht; eine verfehlte Behandlung des Chors, der sich selbst das Zeugnis seiner gänzlichen Rechtslosigkeit, seiner Vernunft- und Willensarmut ausstelle, wird ausser anderem, was wir auf Seite 13 anführten, Schiller zum Vorwurf gemacht. Den tragischen Gedanken, dass der Mensch durch den Verrat an der Freiheit, an der Vernunft, des Menschen höchster Kraft, den die Personen des Stücks durch ihre Hingabe an die Ausserlichkeit des Traumes, des Orakels u. s. w. übten, dem Verderben ratlos und unfrei zugeführt werde, habe der Dichter nicht von seiner rechten Seite gefasst und in seiner psychologisch-ethischen Bedeutung entwickelt, womit dann der Mangel an individueller Charakteristik zusammenhänge: das sind weitere Ausstellungen, denen eigentlich nur die Anerkennung der Meisterschaft in der formellen Technik gegenübersteht.

4. Heinrich Kurz, Geschichte der deutschen Litteratur u. s. w., Leipzig, B. G. Teubner, 1865,

Bd. 3, S. 439, a, b u. 440 a. Kurz erkennt an, dass, wenn auch alles darauf angelegt sei, die geheimnisvolle Macht des Schicksals in ihrer Allgewalt erscheinen zu lassen, die Hauptvorgänge doch notwendige Wirkungen des Charakters der handelnden Personen sind. Darin, dass der Cher von Schiller eine doppelte Aufgabe erhalten, sieht er einerseits einen Vorzug, andererseits einen wesentlichen Nachteil, weil derselbe dadurch einenAnstrich von jener