Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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wider ihren Willen und unter gewaltsamer Umgestaltung aller Zustände zu einem düstern Ende hintriebe oder hinzerrte(Vilmar, zu Göthes Tasso). Aber wir werden noch klarer schauen. Isabella ist eine selbstsüchtige, herzlose Frau; der Verstand ist bei ihr das leitende Princip, nicht das Gefühl, kluge Berechnung bestimmt überall ihr Handeln, nicht der Liebe Trieb. Wo das Herz bei ihr zu sprechen scheint, da soll es nur dem Verstande dienen, und so offenbart sich gerade ihre Herzlosigkeit.Rauh, mitleidslos, selbstsüchtig nennt sie die Altesten von Messina, weil diese noch die öffentliche Not ihr auf das Herz gewälzt,das von der Mutter Angst und Sorgen schwer genug belastet war. Dass sie als Fürstin eine Pflicht hatte auch das öffentliche Wohl zu bedenken, dass sie als Mutter nicht erst das Drängen der Altesten hätte abwarten müssen, um sichmit dem zerrissnen Mutterherzen zwischen die Ergrimmten zu werfen, das kommt ihr nicht in den Sinn. Wie ihre Mutterliebe zu der neugebornen Tochter sie hätte treiben müssen des Kindes Leben mit ihrem eigenen zu beschützen und so zugleich den Gatten vor dem quälenden Bewusstsein des Mordes am eignen Kinde zu behüten, nicht durch List und Lüge es zu retten, um sich ein Friedenswerkzeug zu bewahren, so hätte nach ihres Gatten Tod ihre erste Aufgabe den Söhnen gegenüber sein müssen sie wieder zu vereinigen; ihr Herz hätte ihr gebieten müssen die Tochter nun alsbald aus ihrem Versteck hervorzuholen, um selbst sie wiederzusehen, um ihr die Freude zu gewähren, dass sie die Mutter wieder hat. Statt dessen sinnt sie höchstens klugin den verschwiegenen Gemächern ihres Frauensaals darüber nach, wie sie in möglichst augenfälliger, ihres Eindrucks nach aussen nicht verfehlender Weise unter Zuhilfenahme ihres Friedenswerkzeugs den öffentlichen Versöhnungsakt zustande bringen kann. Denn auf die Form, auf den Eindruck nach aussen kommt es ihr in erster Linie an. Das sehen wir in dem schon besprochenen Verhalten den Altesten gegenüber, das tritt bei der wohlgesetzten, kunstvoll geordneten, zu unweiblichem und der Mutter besonders unwürdigem schneidenden Hohn sich steigernden Versöhnungsrede hervor, die sich von keinemHöre mich, Mutter, Mutter, höre mich, unterbrechen lässt, das zeigt ihr schnell gefasster Sinn, als das Verschwinden der Tochter gemeldet wird, denn ihr ist es fast eine Freude, dass sie jetztdem IHeldenarm der Söhne die Tochter wird verdanken können. Und welcher Stolz beseelt sie! Als sie zwischen den noch unversöhnten Brüdern in die

Halle tritt, kann sie kaum dem von Übermut schwellenden Herzen gebieten, das eben seine stolze Abweisung die Altesten hat fühlen lassen. Wie steigert sich dieser Stolz, als die Söhne ihr gestanden, dass ihr Herz gewählt hat; wie Niobe überhebt sie sich:

Die Mutter zeige sich, die glückliche,

Von allen Weibern, die geboren haben,

Die sich mit mir an Ierrlichkeit vergleicht!

Und als des jüngeren Bruders Erklärung, er könne den Namen der Geliebten nicht nennen, ihr Bedenken erregt hat, da tröstet sie sich doch mit ihrem Mutterstolz:

Der Söhne Ierz ist meiner Hoffnung Pfand, Sie denken gross, wie sie geboren sind.

Ihr Stolz entreisst sie selbst der Ohnmacht, die sie überfallen, als das Verschwinden der Tochter gemeldet wird. Als sie Don Cesars Ausserung vernimmt:

Raub, sagst du? War sie frei genug dem Räuber, So konnte sie in Freiheit auch entfliehen!