Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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Tod, an dem er ja nicht zweifelt, wird der Fürst,von des Argwohns ruheloser Pein und finster grübelndem Verdacht genagt, auf allen Schritten der Fürstin die Späher gepflanzt haben. Es konnte kein Vertrauen zwischen beiden sein, und so konnte der Eltern Beispiel nur schlimm wirken auf die Brüder. Kam nun dazu, dass die Mutter den einen dem anderen vorzog, dass der Vater nur Strenge kannte, die den Folgen des Hasses vorbeugte oder entgegentrat, nicht aber diesen selbst auszurotten sich bemühte, so ist es begreiflich, wie dieser Hass nur wuchs, zumal die Brüder immer mehr einander ferngehalten wurden und so immer weniger sich gegenseitig wirklich kennen lernen konnten. Zwar versichert uns die Fürstin, gleich habe sie unter beide Liebe und Sorge verteilt, aber auf ihr Wort dürfen wir, wie wir oben sahen, überhaupt nicht viel geben, und mehrfach sehen wir, dass ihr Manuel höher steht als Cesar. Während sie den ersteren, als er ihr den Namen der Braut nicht nennen will, mit dem ihm eigenen vom Vater ererbten verschlossenen Wesen genügend gerechtfertigt findet, wirſt sie dem Jüngeren, da er den Namen der Geliebten nicht nennen kann, thöricht kindisches Verhalten vor. Als ihr der Bote, den sie zum Einsiedler auf den Atna gesendet, die Meldung bringt, ihr ältester Sohn habe die Tiefverborgne gefunden, da bricht sie in die Worte aus:

Don Manuel ist es, dem ich sie verdanke!

Ach, stets war dieser mir ein Kind des Segens!

Und als sie das Furchtbare vernommen, dass Don Cesar der Mörder des Don Manuel ist,

da entfährt ihr das Wort:

Einen Basilisken Hab' ich erzeugt, genährt an meiner Brust, Der mir den bessern Sohn zu Tode stach.

In ihrer kunstvollen Rede, mit der sie zuerst die Brüder zur Versöhnung zu bestimmen sucht, hält sie diesen selbst den Neid, die Eifersucht auf ihre Liebe vor, indem sie zu Don Manuel sagt:

Wenn ich die Hand des Bruders freundlich drücke, Stoss ich den Stachel nicht in deine Brust?

und zu Don Cesar:

Wenn ich das Herz an se nem Anblick weide, Ist's nicht ein Raub an dir? 0, ich muss zittern, Dass meine Liebe selbst, die ich euch zeige,

Nur eures Hasses Flammen heft'ger schüre.

Als sie den älteren Sohn erschlagen vor sich sieht, da entschlüpft ihr alsbald die vor-

wurfsvolle Frage: Wo war dein Bruder, dass sein Arm dich nicht beschützte?

Und als sie gegen Schluss unseres Stücks den jüngeren Sohn verflucht hat, da gewinnt dieser die UÜberzeugung:.

Sie hat mich nie geliebt! Verraten endlich

Hat sich ihr Herz, der Schmerz hat es geöffnet.

Sie nannt' ihn ihren bessern Sohn! So hat sie

Verstellung ausgeübt ihr ganzes Leben!

Es ist also wohl kein unbekannt verhängnisvoller Samen, aus dem der unsel'ge Bruderhass emporwuchs, sondern der Eltern von Anfang an sündhaftes, durch gegenseitiges Misstrauen immer unglücklicher sich gestaltendes Verhältnis zu einander wie zu den Kindern hat die Entstehung des