Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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So wie der Chor in die Sprache Leben bringt, so bringt er Ruhe in die Handlung, aber die schöne und hohe Ruhe, die der Charakter eines edeln Kunstwerkes sein muss. Denn das Gemüt des Zuschauers soll auch in der heftigsten Passion seine Freiheit behalten; es soll kein Raub der Eindrücke sein, sondern sich immer klar und heiter von den Rührungen scheiden, die es erleidet. Was das gemeine Urteil an dem Chor zu tadeln pflegt, dass er die Täuschung aufhebe, dass er die Gewalt der Affekte breche, das gereicht ihm zu seiner höchsten Empfehlung; denn eben diese blinde Gewalt der Affekte ist es, die der wahre Künstler vermeidet; diese Täuschung ist es, die er zu erregen verschmäht. Wenn die Schläge, womit die Tragödie unser Herz trifft, ohne Unterbrechung aufeinander folgten, so würde das Leiden über die Thätigkeit siegen. Wir würden uns mit dem Stoffe vermengen und nicht mehr über demselben schweben. Dadurch dass der Chor die Teile auseinanderhält und zwischen die Passion mit seiner beruhigenden Betrachtung tritt, giebt er uns unsere Freiheit zurück, die im Sturm der Affekte verloren gehen würde

So spricht sich Schiller über den Chor der griechischen Tragödie aus. Ihn hat er hier sich zum Muster genommen, ohne ihn sklavisch nachzuahmen.Ich habe den Chor zwar in zwei Teile getrennt, sagt er,und im Streit mit sich selbst dargestellt; aber dies ist nur dann der Fall, wo er als wirkliche Person und als blinde Menge mithandelt. Als Chor und als ideale Person ist er immer eins mit sich selbst. Und in einem Brief vom 10. März des Jahres 1803, an dessen 31. Januar das Stück vollendet war, schreibt er an seinen Freund Körner in Dresden, den Vater des Freiheitsängers:Wegen des Chors bemerke ich noch, dass ich in ihm einen doppelten Charakter darzustellen hatte: einen allgemeinen menschlichen nämlich, wenn er sich im Zustand der ruhigen Reffexion befindet, und einen specifischen, wenn er in Leidenschaft gerät und zur handelnden Person wird. In der ersten Qualität ist er gleichsam ausser dem Stücke und bezieht sich also mehr auf den Zuschauer. Er hat als solcher eine Uberlegenheit über die handelnden Personen, aber blos diejenige, welche der Ruhige über den Passionierten hat; er steht am sichern Ufer, wenn das Schiff mit den Wellen kämpft. In der zweiten Qualität, als selbsthandelnde Person, soll er die ganze Blindheit, Beschränktheit, dumpfe Leidenschaftlichkeit der Masse darstellen, und so hilft er die Hauptfigur herausheben.

In einem Brief vom 6. Februar an denselben hat er davon gesprochen, dass er, um den Chor auf die Bühne bringen zu können, nichts weiter nötig habe als denselben, ohne an den Worten das Geringste zu ändern, in fünf oder sechs Individuen aufzulösen, womit er eben beschäftigt sei. Es sind die als Cajetan, Berengar, Manfred, Tristan, Bohemund, Roger und Hippolyt uns entgegen- tretenden Sprecher der Gesamtheit.Von dem dazu zubereiteten Exemplar, fährt er fort,lasse ich sogleich einige Abschriften nehmen, um sie nach Berlin, Hamburg und Dresden zu versenden. Du kannst also, wenn man dich fragt, das Stück binnen 14 Tagen Opitz für 10 Karolin versprechen. Von dem Chor brauchst Du ihm gar nichts zu sagen, denn sie sollen mir das Stück spielen, ohne nur zu wissen, dass sie den Chor der alten Tragödie auf die Bühne gebracht haben.

Schiller wusste, mit welchen Vorurteilen er zu kämpfen hatte, darum diese Vorsicht dem Dresdener Theater gegenüber. Er wusste aber auch, wie sein Chor der heutigen Bühne angepasst war, daher sein Ausspruch, die Schauspieler sollten ihm den Chor darstellen, ohne zu wissen, dass sie es gethan. Die Wirkung, die das Stück übte, war auch überall gleich bei den ersten Aufführungen eine überwältigende, wie sie es noch heutzutage für jeden ist, der sich dem Eindruck des Ganzen unbefangen hinzugeben entschlossen ist. Wer freilich z. B. von seiner beim Lesen der altgriechischen Stücke gewonnenen Kenntnis des antiken Chors bei der Beurteilung ausgehen zu müssen glaubt,