Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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Die wesentlichste Ahnlichkeit der beiden Stücke aber beruht auf dem Gebrauch, den der Dichter vom Schicksal macht. Hier tritt es auf in Form zweier Träume, die, scheinbar einander widersprechend, die Veranlassung zur Verschiedenheit im Handeln des Elternpaares bei der Geburt der Tochter gegeben haben und die schliesslich dem Zuschauer doch immer deutlicher dasselbe verkünden, dass die Tochter zwar der Söhne streitende Gemüter in heisser Liebesglut vereinen wird, dass sie aber gerade dadurch die beiden töten und so der ganze Stamm durch sie vergehen wird. Das ist das mächtig Ergreifende, das furchtbar Wirkende, dass uns überall die Verblendung der Handelnden deutlich vor die Seele tritt, dass wir sehen, wie vernünftiges, leidenschaftsloses Handeln so leicht möglich gewesen wäre, wenn eben diese Menschen weniger leidenschaftlich wären, und dass wir unsere Furcht, sie werden die drohende Klippe nicht vermeiden, sofort immer erfüllt sehen. Darauf beruht die gewaltige Wirkung des Stückes, die niemand leugnen kann, auch die entschiedensten Gegner und Verurteiler desselben nicht. Und gehoben wird diese Wirkung und noch mehr zum Bewusstsein gebracht durch den Chor, mit welchem Schiller ebenfalls die Antike nachgeahmt hat. Die Verurteiler des Stückes und die kleinlichen Mäkler finden freilich hierin ebenso viel Fehler, wie Schönheiten vorhanden sind, weil sie mit Vorurteil und dem Hochmut an die Beurteilung gehen einen Schiller meistern zu können.

Der Dichter selbst hat uns die Gesichtspunkte aufgestellt, von denen er bei der Anwendung des Chors ausgegangen ist und von denen aus auch wir ihn darum beurteilen müssen. Vom antiken Chor sagt Schiller:Der Chor ist selbst kein Individuum, sondern ein allgemeiner Begriff; aber dieser Begriff repräsentiert sich durch eine sinnlich mächtige Masse, welche durch ihre ausfüllende Gegenwart den Sinnen imponiert. Der Chor verlässt den engen Kreis der Handlang, um sich über Vergangenes und Künftiges, über ferne Zeiten und Völker, über das Menschliche überhaupt zu verbreiten, um die grossen Resultate des Lebens zu ziehen und die Lehren der Weisheit auszusprechen. Aber er thut dieses mit der vollen Macht der Phantasie, mit einer kühnen lyrischen Freiheit, welche auf den hohen Gipfeln der menschlichen Dinge wie mit Schritten der Götter einhergeht und er thut es, von der ganzen sinnlichen Macht des Rhythmus und der Musik in Tönen und Bewegungen begleitet.

Der Chor reinigt also das tragische Gedicht, indem er die Reflexion von der Handlung absondert und eben durch diese Absonderung sie selbst mit poetischer Kraft ausrüstet; ebenso wie der bildende Künstler die gemeine Notdurft der Bekleidung durch eine reiche Draperie in einen Reiz und eine Schönheit verwandelt.

Aber ebenso wie sich der Maler gezwungen sieht den Farbenton des Lebendigen zu verstärken, um den mächtigen Stoffen das Gleichgewicht zu halten, so legt die lyrische Sprache des Chors dem Dichter auf verhältnismässig die ganze Sprache des Gedichts zu erheben und dadurch die sinnliche Gewalt des Ausdrucks überhaupt zu verstärken. Nur der Chor berechtigt den tragischen Dichter zu dieser Erhebung des Tons, die das Ohr ausfüllt, die den Geist anspannt, die das ganze Gemüt erweitert. Diese eine Riesengestalt in seinem Bilde nötigt ihn alle seine Figuren auf den Kothurn zu stellen und seinem Gemälde dadurch die tragische Grösse zu geben. Nimmt man den Chor hinweg, so muss die Sprache der Tragödie im ganzen sinken; oder was jetzt gross und mächtig ist, wird gezwungen und überspannt erscheinen. Der alte Chor, in das französische Trauerspiel eingeführt, würde es in seiner ganzen Dürftigkeit darstellen und zunichte machen; ebenderselbe würde ohne Zweifel Shakespeares Tragödie erst ihre wahre Bedeutung geben.