Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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Dass die Orakelsprüche uns die vorhandene Schuld zu einer Zeit erkennen liessen, wo die handelnden Personen sich dieser Erkenntnis noch verschliessen zu können glaubten, dass wir überall des Schicksals gewaltigen Schritt vernahmen, wo die Verblendung der Schuldigen Auge und Ohr gegen den vor unserem Blick klar daliegenden Zusammenhang der Dinge verschloss, das übte nur einen um so tieferen Eindruck auf unsere Empfindungen, je geheimnisvoller er war.

Wie wirksam dies Geheimnisvolle zu einem tiefen und nachhaltigen Eindruck ist, das hatte Schiller erkannt, und dem Bestreben die altgriechische Schicksalsidee in einem modernen Drama zur Anwendung zu bringen entsprang sein Trauerspiel:Die Braut von Messina oder die feindlichen Brüder. Zahlreich sind die Berührungspunkte dieses Stückes mit der antiken Tragödie, ohne dass es irgendwo seine Selbständigkeit verlöre.

Zunächst die Handlung erinnert uns an die Ödipussage. Ein Fluch lastet auf dem Geschlecht, hier freilich nicht von fremdem Hause herrührend, sondern vom Ahnherrn des Geschlechts selbst über seinen Sohn und dessen Weib ausgesprochen. Der Sohn hat ihm die Braut geraubt, hat sie zu seinem Weibe gemacht, darum fluchte der alte Fürst dem sündigen Ehebett. Ein Anklang an das Verhältnis des 6dipus zu Iokaste und Lalos liegt hierin einerseits, wie er andererseits in der Liebe der beiden Brüder zu Beatrice, der ihnen unbekannten Schwester, zu finden ist. Der deutsche Dichter führt uns hier nur nicht die vollendete Unthat vor Augen. Des Fürsten That grenzt nur daran. Die verlobte Braut des Vaters hat der Sohn ihm entrissen. Der Brüder Liebe drohte nur zu dem furchtbaren Frevel zu führen. Wie dort der Sohn den Vater erschlägt, so hier der Bruder den Bruder. Wie der Mörder, als er seine entsetzliche Schuld erkannt, sich selbst bestraft, so auch hier. Auch der Hass der feindlichen Brüder erinnert uns an die alte Ödipussage, an den Hass zwischen Eteokles und Polynices, den Söhnen, von dem wir freilich in Sophokles'König Odipus noch nichts erfahren. Und wie gemahnt uns Isabella an Iokaste! Sie brauchte nicht erst ihre Rede, durch die sie die jungen Fürsten versöhnen will, mit dem Hinweis auf das theban'sche Paar zu schliessen, das sich im Wechselmord vernichtet, um uns einen Vergleich zwischen ihr und Iokaste nahe zu legen. Ihr Handeln erinnert uns deutlich an jene. Zwar ist der Mord des Kindes hier nur des Vaters That. Aber Mutterliebe war es auch nicht in erster Linie, was Isabella trieb die Tochter zu retten, das hören wir aus ihrem eigenen Munde:

Der Mutterliebe mächt'ge Stimme nicht Allein trieb mich das Kindlein zu verschonen.

Gerade durch die Tochter hofft sie wirken zu können, sie soll ihr ein Werkzeug des Friedens werden den Söhnen gegenüber, sie soll ihr das Schicksal bekämpfen helfen, an das sie glaubt, das sie fürchtet und das sie doch klüglich zu wenden und somit als machtlos zu erweisen hofft. Wie Iokaste zu den Göttern fleht, wenn die Furcht sie ergreift, so ist Isabella fromm, so lange sie damit etwas zu erreichen hofft; wie jene die Götter und ihre Sprüche verachtet, sobald ihr Wille von dem Geschehenden gekreuzt wird, so sehen wir hier Unglaube und Lästerung, verbunden mit dem

Trotz einer Niobe. 2