Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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Mit klugem Entschluss hofft er des Schicksals Willen ändern zu können. Aber seinen Leidenschaften zu gebieten kommt ihm nicht in den Sinn. Als im Kreuzweg von Daulis ein Wagen mit mehreren Insassen, darunter einem Alten, ihm begegnet, der Wagenlenker samt jenem Alten mit Gewalt vom Weg ihn abtreibt, da erschlägt er alle. Unbekümmert darum, wen sein Stab zu Tode getroffen, zieht er weiter; er kommt nach Theben, er forscht nicht, als ihm die Hand der Königin, seiner eigenen Mutter, angeboten wird, danach, wer ihren Gatten erschlagen. Er nimmt sie, die so viel ältere Frau, zum Weibe, und erst als nach beinahe zwanzigjähriger Regierung Apollos Spruch ihn auffordert den Mörder des Laios zu strafen, da regt sich, bei dem Hinweis auf die Art, wie dieser umgekommen, in ihm das Gewissen. Da hören wir ihn klagen:

Wenn nun Laios Jemals Gemeinschaft hatte mit dem Fremdlinge: Wo mag der Menschen einer unglückseliger, Wer könnte gottverhasster sein als Odipus? Den nicht ein Fremdling noch ein hier gebor'ner Mann In seine Wohnung nehmen noch ansprechen darf, Nein, aus dem Hause stossen muss! Und ich bin's selbst, Kein andrer hat mir diesen Fluch aufs Haupt gelegt. Des Toten Gattin wird befleckt in meinem Arm, Der ihn zu Boden streckte. Bin ich nicht verrucht? Nicht ganz und gar unheilig? Wenn ich fliehen muss Und als ein Flüchtling nimmermehr die Meinen sehn, Nicht meiner Heimat nahen darf: sonst muss ich, ha! Die Mutter frei'n, muss meinen Vater Polybos Ermorden, der mir Leben gab und mich erzog.

Dass es der Vater sein könne, den er erschlagen, das kommt ihm noch nicht in den Sinn, denn sein Herz ist verstockt, sein Sinn verblendet. Dass ihm es einst gelungen, das Rätsel der Sphinx zu lösen, das hat ihn mit besonderem Selbstvertrauen in seine Klugheit erfüllt, so dass er kaum noch irren zu können glaubt. Darum bleibt er so starr bei seiner Meinung dem Tiresias gegenüber, dieser sei von Kreon angestiftet ihn des Mordes an Laios zu beschuldigen; darum vermag keine noch so zwingende Darlegung des Schwagers, keine Einsprache des Chors, kein begütigendes Wort seines Weibes ihn in seinem Wahne irre zu machen. Wie stolz klingt sein Wort dem blinden Seher gegenüber:

Als hier die Hündin ihre Rätsel sang, warum Sprachst du für unsre Bürger kein erlösend Wort? Doch war es nicht des nächsten besten Mannes Werk, Den Spruch zu deuten, nein, bedurfte Seherkunst; Die lerntest du von deinen Vogelzeichen nicht,

Noch offenbarte dir's ein Gott: ich, Odipus, Erschien, ein Ziel ihr setzend, ich Unkundiger, Durch Geist es treffend, nicht belehrt vom Vogelflug.

Und wie rast sein Zorn gegen jeden, der ihm schuldig erscheint! Wie furchtbar klingt sein Fluch gegen den noch unbekannten Mörder des Laios, der Fluch, der ihn selbst dann treffen soll,