— 5—
seinen Fürsten. Da kommt eine furchtbare Pest über die Stadt. Das Orakel, nach welchem der König seinen Schwager Kreon gesendet hat, gebietet den noch unbestraften Mord des Laios zu rächen. Der König verspricht die Rache und flucht dem Mörder. Und als dann durch die Verkettung von mancherlei Umständen die Stimme seines Gewissens bestätigt wird, dass er den Laios erschlagen; als sich das noch viel Furchtbarere herausstellt, dass er das ausgesetzte Kind von Laios und Iokaste ist, da blendet sich der Unglückliche, nachdem Iokaste sich erhängt, damit seine Augen im Leben wie im Tode nicht mehr die schauen können, gegen die er, wenn auch unwissentlich, so schwer gesündigt.
Es könnte auf den ersten Blick scheinen, als ob wir hier mit einer blinden, unentrinnbaren Schicksalsmacht es zu thun hätten, die sich darin gefiele, den Menschen schuldig werden zu lassen, um ihn vernichten zu können, nicht mit einer waltenden Gerechtigkeit, die der Väter Sünden heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied—„derer, die mich hassen!“ Ja, es ist ein Fluch, der auf dem Labdakidengeschlecht lastet, aber kein willkürlicher, ungerechter, sondern ein wohl- verdienter, den jedes Glied des Hauses durch neue Schuld aufs neue auch für sich herausfordert.
Der dem Laios erteilte Orakelspruch lautet:
„Laios, Labdakos' Sohn, du wünschst dir Segen der Kinder. Werden soll dir ein Sohn, doch will es also das Schicksal,
Dass von seiner Hand du das Leben verlierst; so gebot es
Zeus, der Kronide, bestimmt durch Pelops' schreckliche Flüche, Weil du den lieben Sohn ihm geraubt; drum fleht' er um Rache.“
Wir sehen, es ist eine Schuld, für die ihm das schreckliche Geschick in Aussicht gestellt wird von des Sohnes Hand zu fallen. Und was thut der Vater, als ihm der Sohn geboren? Mit durchstochenen Füssen, durch welche Stricke gezogen sind, wird der Knabe einem Sklaven übergeben, der ihn im Cithärongebirge aussetzen soll. Die Mutter selbst, so hören wir den Hirten im Verlauf unseres Stückes dem dipus gestehen, hat, geschreckt von bösem Spruch, den Vater mord' es einst⸗, das Kind dem Sklaven mit der Weisung übergeben, dass er es töten solle.„Ihr Kind, die Arge?“ so fragt Odipus und zeigt uns, dass bei aller Gewalt des Vaters über das Leben seiner Kinder, wie sie das Altertum kannte, doch die That eine furchtbare ist. Was fehlt da bei Laios und lokaste an eigener Schuld? Durch schwere Frevelthat haben sie das Geschick klüglich wenden wollen, aber der Knabe ist am Leben geblieben.„Mitleid bewog mich,“ sagt der Hirt auf die Frage, wie es gekommen, dass er dem Boten von Korinth einst den Knaben gab.
„Mitleid bewog mich, dass er ihn in fremdes Land, Woher er selbst war, trüge, Herr; doch der erhielt
Ihn nun zum höchsten Jammer. Denn bist du das Kind, Das dieser meinte, bist du, traun, zu Gram gezeugt!“
Wir hörten, wie Odipus in Delphi das warnende Orakel empfängt:
„Er müsse seine Mutter frei'n und ein Geschlecht Des Greuels offenbaren vor der Menschen Blick Und Mörder sein des Vaters, der ihm Leben gab.“
Obwohl der Zweifel daran, dass Polybos von Korinth sein Vater, Merope seine Mutter sei, ihn nach Delphi getrieben, denkt er jetzt doch nur an Korinth als Heimatstadt. „Und das vernehmend, floh ich scheu Korinthos' Land, Nur aus den Sternen seine Lag' hinfort zu spähn,
Hlinziehend, wo ich hoffte nimmerdar die Schmach Des mir gewordnen bösen Spruchs erfüllt zu sehn.“


