Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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erkennen, wie ihn der Schicksalsglaube mancher philosophischen und mancher religiösen Richtung annimmt, da wäre es mit unserer Teilnahme für den Helden gar bald vorbei, denn nur die sittlich wägbare That kann Mitleid und Furcht erregen. Für den Fatalisten aber giebt es keine Sittlichkeit und keine Schuld.

Ich denke eben an ein Gedicht eines Anhängers der Schopenhauerschen Philosophie, Louis Wolff, das die UÜberschriftUrzwang führt und solch einem Schicksalsglauben Worte leiht. Es mag uns eine Probe des ächten Fatalismus geben.

Träumst dich einen Gott? O blöder Tropf! Aus Materie baut sich dir dein Kopf.

Meinst du frei zu denken? Denkst gezwungen:

Trüber Spiegel eitler Vorstellungen.

Meinst du frei zu wollen? Bild und Denken Wird dein Wollen nach Gesetzen lenken.

Meinst du frei zu lieben? Reiz der Sinne, Reiz der Seele reisst dich jach zur Minne,

Wie des Hungers Zwang nach Speisen lüstert Seel' und Gaum' sind leiblich ganz verschwistert. Wähnst du deine Seele hochgeboren,

Tropfen, den der ew'ge Geist verloren,

Der den Flug just dir zu Häupten lenkte,

So sich heiss in Herz und Ilirn dir senkte 7 Glaub' mir doch, der Geist, den alle preisen, Kann ein Schemen, ein Gespenst nur heissen. Dummen ird'schen Stoffes Selbstbewegung Schafft ihn, unfrei selbst in jeder Regung.

Jede Regung, die nach oben strebt,

Jede Regung, die am Boden klebt,

Alle sind sie dir von ew'ger Zeit

Vorgeschrieben durch Notwendigkeit.

In der Welten altem Buch zu lesen

Ist von je, was du einst bist gewesen;

Wie geboren du, gelebt, gestorben,

Ob du Ruhm, ob Schande du erworben.

Ja dein Tod auch, wie sich der ereignet,

Ist durch starren Zwang schon vorgezeichnet. Wähnst du, blöder Thor: Ich lach' des Zwanges, Richte selbst mich jetzt durch dieses Stranges Freien Zug nach oben! Iorch', die Hölle Lacht: Du willst so frei sein, Spottgeselle?! Wisse, hängst du dich du thust's gezwungen, In der Wiege ward dir's schon gesungen.

Jeder Luftzug, den die Lunge trinkt,

War durch Not und Umstand dir bedingt.

Und du meinst, Entschlüsse nur und Thaten Die jetzt gut, jetzt übel dir geraten

Seien mehr dein eigen?! Herz und Hand Ward als Spiel des Weltenzwangs erkannt. Sich', wohin dich seine Wellen treiben,

Ob er fort dich lässet, dich lässt bleiben.

Für eine solche Weltanschauung giebt es keine menschliche Verantwortlichkeit mehr.

hört der Begriff von gut und böse auf, wo die Freiheit des Entschlusses und der That ausgeschlossen ist. Prüfen wir hierauf unserenKönig Odipus!

Dem Könige Laios von Theben ist der Orakelspruch geworden, dass sein eigner Sohn einst ihn erschlagen werde. Als Iokaste, die Königin, einem Sohn das Leben geschenkt, da wird das Kind im Gebirge den wilden Tieren zum Raube ausgesetzt, aber am Leben erhalten. Zum Jüngling herangewachsen gerät Odipus, so heisst des Laios Sohn, mit einem Altersgenossen in Streit, der ihm vorwirft, er sei nicht der Sohn des korinthischen Königspaares, das ihn erzogen hat. Er fragt in Delphi an. Das Orakel warnt ihn vor dem Elternhaus; denn er werde den Vater erschlagen und die Mutter freien und ein den Menschen verhasstes Geschlecht erzeugen. Er will deshalb nie nach Korinth zurückkehren und schlägt von Delphi aus eine andere Richtung ein. In einem Hohlweg kommt er mit einem Alten in Streit, dessen Wagenlenker ihn aus dem Wege hat drängen wollen. Er erschlägt den Alten und seine Begleiter. Es war sein Vater Laios, den er getötet. Er kommt nach Theben, befreit durch kluge Deutung eines Rätsels die Stadt von einer furchtbaren Plage und erhält mit der Hand der eben verwitweten Königin die Herrschaft über seines Vaters Reich; denn es ist seine Mutter, die er gefreit, auch der zweite Teil des Orakelspruches ist in Erfüllung gegangen. Jahrelang lebt 6dipus, wie es scheint, im Glück. Vier Kinder hat sein Weib ihm geschenkt, zwei Söhne, Eteokles und Polynices, zwei Töchter, Antigone und Ismene. Das Volk achtet und liebt