Aufsatz 
Über Sophokles' "König Ödipus" und Schillers "Braut von Messina" / vom ... [Wilhelm Wittich]
Entstehung
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Uber

sophokles König Oipus un Schlllers Nraut von Messina)

Vom Direktor: Dr. Wilhelm Wittich.

Als im August des Jahres 1879 zur Feier des 100 jährigen Bestehens des hiesigen Lyceum Fridericianum eine Aufführung des Sophokleischen König Ödipus in griechischer Sprache durch Schüler des Gymnasiums stattfinden sollte, da konnte man in den verschiedensten Gesellschafts- und Berufskreisen recht absprechende Urteile über diese Absicht hören. Als aber die Festaufführung stattfand, da übte sie einen so gewaltigen, packenden Eindruck, dass eine Wiederholung gewagt werden konnte, die ebenfalls auf die von nah und fern herbeigekommenen Zuschauer ihre tiefgehende Wirkung nicht verfehlte. Es musste wohl eine tiefinnere Macht sein, die so zum Herzen sprechen konnte, selbst da, wo sie fast nur durch das Auge zu wirken vermochte. Und ebenso, wenn wir den König dipus in dichterisch mangelhafter deutscher UÜbersetzung nur lesen hören, nur durchs Ohr ihn auf uns wirken lassen, ergreift er uns gewaltig im Innersten unseres Herzens. Mitleid und Furcht, jene Leidenschaften, welche die Tragödie in uns wachrufen und zugleich läutern soll, sie sind während des Verlaufes des Stückes in erregtester Thätigkeit, sie werden gereinigt, indem wir sehen, wie an dem Unglücklichen, der an seinen Fehlern zugrunde geht, vor und mit diesem Unter- gang die innere Reinigung sich vollzieht. Unheimlich erregt waren Mitleid und Furcht, da sie sich im Banne eines unvermeidlichen Schicksals fühlten, eines Schicksals aber, das immer mehr von seiner Unheimlichkeit verlor, je mehr man erkennen musste, wie es der Unglückliche selbst, den es traf, gerade erst durch sein Handeln zu einem unentrinnbaren machte. Wären es nicht die freien Thaten des Odipus, teilweise allerdings gerade hervorgegangen aus dem Bestreben des Schicksals Sprüche zunichte zu machen, denen wir gegenüberständen; müssten wir in all seinem Handeln einen Urzwang

*) Um die Schüler der oberen Klassen etwas mehr mit hervorragenden Erzeugnissen der alten wie der neuen Dichtkunst bekannt zu machen, als es bei der für den Unterricht im Deutschen vorhandenen Stundenzahl im Rahmen des Lehrplanes möglich ist, habe ich im letzten Winterhalbjahre angefangen den Primanern und Sekundanern Stücke vorzulesen und dieselben dann zu besprechen. Auf die Vorlesung von Sophokles' König Odipus in der Donnerschen Übersetzung sowie der Schillerschen Braut von Messina und auf die Besprechung der beiden Stücke wurden drei Abende in dem Vierteljahr vor Weihnachten verwendet. Da ich annehme, dass den Schülern unserer Anstalt immerhin ein weiterer Nutzen daraus erwachsen kann, wenn sie den Vortrag gelegentlich nachlesen oder überhaupt durch den Druck kennen lernen können, so habe ich kein Bedenken getragen denselben dem diesjährigen Schulprogramm als wissenschaftliche Beilage vorauszuschicken, zumal eine andere Abhandlung nicht angeboten war. Vielleicht wird auch der eine oder andere Lehrer des Deutschen für seinen Unterricht Gebrauch davon machen können. W.

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