Aufsatz 
Zu Göthes Tasso / vom ... Wittich
Entstehung
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Dem Dichter selbst aber gegenüber spricht sie aus, was sie an ihm zu tadeln hat, in dem Wahlspruch, der an dem seinen zwar nur ein Wort ändert, aber dadurch mit demselben im schärfsten Gegensatze steht:Erlaubt ist, was sich ziemt. Sie hat nicht die Hoffnung, wie ihr Bruder, dass

Tasso zu heilen sei. Während dieser meint:

Besser wär's, Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich Versuchten, dann mit dem Geheilten froh Auf treuen Rat des Arztes eine Kur Den neuen Weg des frischen Lebens gingen,

will sie nur Geduld mit dem Dichter geübt wissen. Was ihr Bruder erst im letzten Aufzug ausspricht in Bezug auf Tasso: Über vieles kann

Der Mensch zum Herrn sich machen; seinen Sinn Bezwinget kaum die Not und lange Zeit,

das drückt die Prinzessin schon in der zweiten Scene des 1. Aktes in den Worten aus:

Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen, Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann.

Als daher Tasso ihrem Wahlspruch gegenüber in die Worte ausbricht:

O, wenn aus guten, edlen Menschen nur Ein allgemein Gericht bestellt entschiede, Was sich denn ziemt

da wagt die Prinzessin nicht ihm zu erwidern, dass der Mann, der seinen Charakter im Strom der Welt gebildet, die Gewähr in sich fühlen müsse das Geziemende zu treffen, da verweist sie ihn nicht darauf, dass er diesen Mannescharakter sich erwerben müsse, sie selbst will den Geliebten behüten, da sie ihn nicht zu bilden vermag, bei edlen Frauen soll er anfragen, um genau zu erfahren,

was sich ziemt:

Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie

Dass alles wohl sich zieme, was geschieht. nichts;

Die Schicklichkeit umgiebt mit einer Mauer Und wirst du die Geschlechter beide fragen:

Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht. Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie, Dass so deutliche Worte jeder der handelnden Personen über die Mängel Tassos einen so scharfen Denker wie Vilmar nicht auf den richtigen Weg bringen konnten, dürfte einen in Erstaunen setzen, wenn man nicht sähe, wie auch sonst vorgefasste Meinungen aus seiner religiösen oder besser theologischen Weltanschauung sein klares Urteil trübten. So vermochte er den Grundgedanken des Stückes, die wirkliche Schuld, an welcher der Dichter zu grunde geht, nicht zu erkennen und behauptet eine solche Einwirkung der Welt, die schliesslich das Tragische aufheben müsste, indem sie die Schuld Tassos selbst auf ein verschwindend kleines Mass herabdrückte. Der Grundgedanke, den der Dichter selbst als solchen ausspreche, soll sein: Der schmerz- liche Zug einer leidenschaftlichen Seele, welche unwiderstehlich zu einer unwiderruflichen Verbannung

hingezogen wird. Das ist allerdings der Grundton, die Grundfarbe, die Grundstimmung, die

durch das ganze Stück hindurchgeht, aber nicht der Grundgedanke, der zu lebendiger Anschauung